Libyen

Sturm auf Tripolis: Rebellen erobern Gaddafis Palast

Libysche Rebellen haben am Dienstag die schwer befestigte Residenz von Muammar al-Gaddafi in Tripolis gestürmt. Hunderte von Kämpfern drangen nach heftigen Gefechten in den Stützpunkt Bab al-Asisija ein und hissten dort ihre Flagge. In der Residenz verschanzte Kämpfer Gaddafis hätten den Widerstand aufgegeben, teilten die Rebellen mit. Die Einheiten des Regimes flüchteten.

Der Aufenthaltsort Gaddafis ist auch nach dem Sturm unbekannt, die Rebellen vermuteten, dass er aus der Bunkeranlage unter seiner Residenz durch einen Tunnel geflüchtet sein könnte.

Bei der Erstürmung der mit hohen Mauern befestigten und mit mehreren Toren versehenen Anlage Bab al-Asisija seien zwölf Aufständische getötet worden. Die Rebellen innerhalb der Residenz feierten nach Angaben von al-Dschasira den Sturm der Gaddafi-Residenz mit Freudenschüssen und riefen: "Gott ist groß." Auf Livebildern von al-Dschasira war die von Einschusslöchern übersäte Fassade des Gaddafi-Hauses zu sehen. Der US-Sender CNN berichtete von spontanen Siegesfeiern und zeigte unscharfe Aufnahmen vom Inneren der Anlage. Zudem hieß es bei CNN, dass die Aufständischen nach kurzem Gefecht den internationalen Flughafen von Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Zuvor hatte Gaddafis Sohn Saif al-Islam, dessen Gefangennahme die Rebellen am Montag verkündet hatten, in der Nacht zu Dienstag einen bizarren Auftritt. 24 Stunden nach den Meldungen über seine Festnahme fuhr der 39-Jährige vor dem Journalistenhotel "Rixos" in Tripolis vor und behauptete, die Stadt sei in Regierungshand. "Wir haben den Rebellen das Rückgrat gebrochen", sagte er vor jubelnden Anhängern. Er rief: "Wir sind hier. Das ist unser Land. Das ist unser Volk. Wir leben hier, und wir sterben hier." Die Menschen stünden auf der Seite der Regierung, "darum werden wir gewinnen".

In Bengasi, der Hochburg der Rebellen, erklärte der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, über den Aufenthaltsort von Staatschef Muammar al-Gaddafi sei nichts bekannt. "Der wahre Moment des Sieges kommt, wenn Gaddafi gefangen genommen ist", sagte Mustafa Abdel Dschalil. Rebellensprecher Mohammed Abdel Rahman sagte in Tripolis, solange Gaddafi nicht gefasst sei, bestehe Gefahr. Seine Gefolgsleute seien in den Außenbezirken stationiert und könnten in einer halben Stunde mitten in der Stadt sein.

Ein US-Regierungsbeamter erklärte, nach Einschätzung des Weißen Hauses stünden 90 Prozent von Tripolis unter der Kontrolle der Rebellen. Die Regierungstruppen herrschten noch über die Städte Sirte und Sebha. Für die Nato spielt Gaddafi offiziell keine Rolle mehr. Das Gaddafi-Regime sei am Ende, sagte in Neapel Nato-Militärsprecher Roland Lavoie. "Seine Präsenz hat ohnehin nur noch symbolischen Wert für seine Anhänger." Die Lage in Tripolis stufte der Oberst als sehr komplex ein, da Häuserkampf eigene Regeln habe und sehr schwierig sei. Dennoch bleibe Libyen für die Nato weiterhin eine Operation mit Einsätzen rund um die Uhr. Ein Eingreifen von Kampfjets der Nato zur Unterstützung der Aufständischen gebe es nicht. "Wir stehen auch nicht in direktem Kontakt mit den Rebellen, um irgendwelche Angriffe zu koordinieren. Wir bombardieren, wenn von einem Ziel eine Gefahr für die Zivilbevölkerung ausgeht." Die Nato werde nach dem Ende des Militäreinsatzes in Libyen nur noch "auf Anforderung" tätig werden. Dies könne beispielsweise Ausbildungshilfe bei der Neuorganisation der Streitkräfte sein.

In den Krankenhäusern in Tripolis und Umgebung spitzte sich die Versorgungslage nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zu. "Einigen Krankenhäusern sind lebensrettende Medikamente und medizinisches Material ausgegangen", hieß es. "Es gibt Probleme mit der Stromversorgung und zu wenig Treibstoff für Krankenwagen und wichtige medizinische Geräte." Der Übergangsrat der libyschen Rebellen soll innerhalb der nächsten Tage aus Deutschland das erste Geld aus einem Regierungsdarlehen über insgesamt 100 Millionen Euro erhalten. Dies kündigte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) an.

"Der wahre Moment des Sieges kommt, wenn Gaddafi gefangen genommen ist"

Mustafa Abdel Dschalil, Vorsitzender des Nationalen Übergangsrates in Libyen