Unternehmen

Mehdorn soll Air Berlin retten

Es ist das überraschende Ende einer Ära: Joachim Hunold, Gründer und Unternehmenschef von Air Berlin, tritt zum 1. September zurück. Sein Lebenswerk soll vorübergehend der ehemalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn übernehmen. Hunold gab seinen Rücktritt bei der Vorstellung der Quartalsbilanz von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft in Berlin bekannt. Zugleich kündigte das Unternehmen in London aufgrund schlechter wirtschaftlicher Zahlen ein drastisches Sparprogramm an.

Der heute 61-jährige Hunold hatte Air Berlin 1991 mit nur zwei Boeing-Jets und 150 Mitarbeitern gegründet und in den Folgejahren zur zweitgrößten Fluggesellschaft nach der Lufthansa aufgebaut. Heute ist Air Berlin eine Aktiengesellschaft nach britischem Recht mit mehr als 9000 Beschäftigten und 168 Maschinen. In den vergangenen Jahren allerdings lief das Geschäft nicht mehr so gut: Seit 2008 schreibt Air Berlin rote Zahlen.

Zu seinen Beweggründen für den Rücktritt sagte Hunold: "Es muss auch eine Zeit nach mir geben." Er halte es für richtig, den Wechsel an der Spitze jetzt zu vollziehen. Sein Nachfolger solle unbelastet den bereits begonnenen Sparkurs fortsetzen. Hunold will Air Berlin als Mitglied des Verwaltungsrats ohne Managementaufgaben verbunden bleiben. "Mir liegt das Unternehmen am Herzen." Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin, Eric Schweitzer, sagte zum Rücktritt des Air-Berlin-Chefs: "Joachim Hunold ist und bleibt der Vater von Air Berlin." Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dankte Hunold für die Kooperation in den vergangenen Jahren. Auch mit dessen Interimsnachfolger Hartmut Mehdorn werde die gute Zusammenarbeit weitergehen.

Hunold selbst hatte Mehdorn als Interimsnachfolger vorgeschlagen: "Ich bin überzeugt, dass Herr Mehdorn der Richtige ist." Der ehemalige Bahn-Chef, der seit Juli 2009 im Aufsichtsrat von Air Berlin sitzt, zollte wiederum Hunold Respekt. "Ich finde das eine große Entscheidung, dass einer, der die Firma aufgebaut hat, jetzt sagt, ich lege das in andere Hände", sagte der 69-jährige Mehdorn. Wie lange er die angeschlagene Airline führen werde, sei noch unklar.

Auch wenn er der breiten Öffentlichkeit als Bahn-Chef bekannt wurde, machte Mehdorn zunächst in der Luftfahrt Karriere. Nach einem Ingenieurstudium begann er 1966 als Entwicklungsplaner der Vereinigten Flugtechnischen Werke in Bremen. 1974 baute er dort mit am ersten Airbus, dem A 300. Nach mehreren Stationen in der Branche war er von 1992 bis 1995 Vorstandsmitglied der Daimler-Benz-Aerospace.

Mit Blick auf Air Berlin sagte Mehdorn: "Da muss eine Menge passieren, um wieder profitabel zu werden." Genaueres könne er aber erst in einigen Wochen sagen. Schwierige Aufgaben hätten ihn aber noch nie geschreckt. Ein Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di sagte, Air Berlin brauche weniger ein Sparkonzept als einen Strategiewechsel. Auch der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, sagte, Hunold sei an seiner diffusen Strategie gescheitert: einem Mischmodell aus Billigfluganteilen, normalen Linienflügen und eingestreutem Chartergeschäft.

Hunold sagte kurz vor Verkündung seines Rücktritts, bisherige Sparmaßnahmen hätten nicht gereicht, um die höheren Belastungen aufzufangen, die durch die Luftverkehrsteuer, erhöhte Kerosinpreise sowie die Auswirkungen der Unruhen in Nordafrika auf das wichtige Ägyptengeschäft entstanden seien. "Um profitabel zu werden, müssen wir Einschnitte in unser Streckennetz und in unserer Flotte vornehmen." Aber auch diese Maßnahmen würden möglicherweise nicht reichen, um bis zum Jahresende wieder schwarze Zahlen schreiben zu können.

Aktionärsschützer sehen in dem Rückzug von Joachim Hunold die Chance für einen Neuanfang. "Die Probleme von Air Berlin sind stark geprägt durch die Abhängigkeit von der Unternehmerpersönlichkeit Hunold", betonte der Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Malte Disselhorst. Das Unternehmen ist seit Mai 2006 börsennotiert.