Karaseks Woche

Musik ohne Brille

Als ABC-Schütze (so nannte man den Beruf des Erstklässlers, als ich noch klein war) lernte ich den Spruch: "Tu jedes Ding an seinen Ort, / wenn du es suchst, dann findst du's dort!" Ich wusste damals noch gar nicht, wie schmerzhaft ich im Alter an der Nichtbefolgung dieser Lebensregel leiden und durch Leiden lernen würde.

Zu Hause weiß ich inzwischen, wo die Brille liegt, neben dem Bett nämlich. Und wenn sie da nicht liegt, habe ich eine zweite (nicht ganz auf dem aktuellen Schärfegrad der ersten) in einer bestimmten Schublade, mit der ich sie stundenlang suchen und, falls ich sie nicht bald finde, notfalls auch lesen kann. Jetzt war ich in Salzburg bei den Festspielen, allein in einem Hotelzimmer, und musste für eine Gustav-Mahler-Aufführung am Abend mutterseelenallein den Smoking anziehen. Das ist eine Tortur an sich, also begann ich zwei Stunden vor der Aufführung damit: Nach dem Duschen trocknen, das Smokinghemd am Hals allein schließen, was meinen Kopf, da es meiner Zeit hinterherhinkt, tomatenartig verfärbte. Dann die Hose, sie ist sehr eng, und es ist ein Abenteuer, sie zu schließen, fluchend und unter Abmagerungsschwüren gelang es. Dann die Hosenträger! Bis die nicht mehr verdreht waren! Uff! Dann die Fliege ineinander verhaken. Feinfingerwerk und Geduldspiel in einem! Geschafft. Jetzt war ich fertig, in die Schuhe geschlüpft. Über eine Stunde Zeit! Prima! Großartig! Jetzt nur noch die Brille! Nur noch.

Ich drehte Kissen, Bücher und Zeitungen um, nachdem sich das Paniksignal "Verschwunden!" im Hirn eingeschaltet hatte. Immer nervöser und hektischer suchte ich, kroch unter das Bett, drehte im Bad alles, was nicht niet- und nagelfest war, um. Nichts zu machen. Angstschweiß kroch über meinen frisch für die Festspiele polierten Körper! Schon drohte ich die Aufführung des "Lieds von der Erde", die mir beibringen würde, die Erde sei ein Jammertal, zu verpassen oder brillenlos hören zu müssen. Voller Verzweiflung blickte ich in den Spiegel. Ich hatte die Brille auf! Zum Fliegenschließen vorzeitig aufgesetzt. Ohne es zu merken! Ein Kollege tröstete: "Sie haben sie ja schließlich doch noch gefunden!" Und ich dachte, ich sehe doch noch besser, als ich denke. Mit oder ohne.

Zu Hause, als ich anrief, regnete es. Zum Trost buchstabierte man mir am Telefon die diesjährigen deutschen vier Jahreszeiten vor: Frühling, Scheiße, Herbst und Winter. Die Erde ein Jammertal! Durch welche Brille man auch schaut! Wie sagt Heinz Erhardt: "Das Leben ist wie eine Brille - man macht viel durch."

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost