Sanierung

Experten: Berlin vor Verkehrskollaps

Die Berliner Bau- und Verkehrswirtschaft warnt vor einem Kollaps des Straßennetzes. Nach Einschätzung des ADAC sind inzwischen 4000 von insgesamt 5700 Kilometern Straßennetz in Berlin dringend sanierungsbedürftig. Bernd Dudenhöfer, Geologe und Vizevorsitzender der Vereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure Berlin-Brandenburg (VSVI), bezifferte den akuten Investitionsbedarf am Mittwoch auf jährlich 250 Millionen Euro.

Davon seien etwa 150 Millionen Euro für die reine Sanierung von Schlaglöchern und 100 Millionen Euro für die Grunderneuerung von Straßen nötig, sagte er.

Tatsächlich sind im laufenden Haushalt nur etwa 74 Millionen Euro für die Erhaltung und etwa 33 Millionen für die Erneuerung von Straßen eingeplant - darin enthalten ist bereits das nach dem vergangenen Winter neu aufgelegte Schlagloch-Sonderprogramm. Hinzu kommt noch Geld für den Autobahnbau und Hauptstadtmaßnahmen vom Bund sowie aus verschiedenen Förderprogrammen von Bund und EU. "Insgesamt eine deutlich dreistellige Millionensumme", sagt Lutz Adam, Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Dass das Geld nicht reicht, darüber klagt nicht nur der ADAC, sondern auch die Berliner Bezirke seit Jahren. Die rot-rote Regierung hat jetzt zumindest beschlossen, die zusätzlichen 25 Millionen Euro aus dem Schlagloch-Programm in den kommenden Jahren dauerhaft im Haushalt bereitzustellen. Doch auch das wird nicht reichen, um alle Schäden dauerhaft für die nächsten Jahrzehnte zu reparieren, darüber sind sich die Experten einig. "Die Straßen zählen zum Vermögen der Stadt", sagt Adam. "Wenn wir bilanzieren, müssen wir feststellen, dass das Vermögen weniger wird."

Auch Dudenhöfer kritisiert den anhaltenden Werteverlust der Straßeninfrastruktur. Und er malt für die nächsten Jahre ein noch drastischeres Szenario. Ein Großteil des heutigen Berliner Straßennetzes sei nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem in den 60er-Jahren gebaut worden. Bei einer von Ingenieuren angenommenen Nutzungsdauer von etwa 60 Jahren hätten daher viele schon ein Alter erreicht, in dem bloße Sanierung der Fahrbahndecke nichts mehr nützt. Was passiert, wenn nur der Asphalt geflickt, nicht aber der marode Unterbau erneuert wird, müssen Berlins Autofahrer regelmäßig nach dem Winter erleben. Selbst auf scheinbar intakten Straßendecken platzen Schlaglöchern auf.

"Straßenschäden lassen sich nicht auf Schlaglöcher reduzieren", sagt Dudenhöfer. "Sie machen nur deutlich, dass der Zeitpunkt zum Eingreifen überschritten ist. Eine intakte Straße kennt keine harten Winter." Der Experte fordert daher ein Straßenerhaltungsmanagement und ein zentrales Straßenzustandskataster, wie es der Senat bereits 2008 angekündigt, aber bisher nicht umgesetzt hat. Ein Teil des Problems - neben den fehlenden Finanzmitteln - besteht nach seiner Einschätzung darin, dass es in Berlin keine verlässlichen Daten über den tatsächlichen Zustand der Infrastruktur gibt.