Terroranschlag

Norwegen weint

Norwegen trauert um die fast hundert Toten der beiden Anschläge vom Freitag. Bei einem Gottesdienst im Osloer Dom sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg am Sonntag: "Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust.

Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie." An den Trauerfeiern nahmen auch König Harald, Kronprinzessin Mette-Marit, Kronprinz Haakon und die norwegische Regierung teil. Für diesen Montag will ganz Norwegen mit einer Schweigeminute der Opfer gedenken.

Mit den Tränen kämpfend, nannte Stoltenberg ihm persönlich bekannte Opfer des Massakers auf der Insel Utøya. Eines von ihnen hatte 20 Jahre bei dem Ferienlager mitgewirkt. Ein anderer galt als hoffnungsvoller Nachwuchspolitiker. Stoltenberg sagte: "Getötet, fort, für immer. Es ist nicht zu begreifen."

Während sich trauernde Menschen in Kirchen versammelten, suchten hundert Spezialisten im Tyrifjord nach vier weiterhin Vermissten von der Ferieninsel. Sie waren vor dem mit einem Schnellfeuergewehr und einer Pistole bewaffneten Attentäter geflüchtet und sind wahrscheinlich im Fjord ertrunken. Die Zahl der lebensgefährlich Verletzten in Krankenhäusern nach beiden Anschlägen gab ein Behördensprecher im TV-Sender NRK mit 20 an.

Bei dem Massaker auf der Ferieninsel Utøya bei Oslo hatte der Rechtsradikale Anders Behring Breivik mindestens 86 Jugendliche aus einem sozialdemokratischen Sommerlager erschossen. Zwei Stunden vorher ließ er eine Autobombe mit 500 Kilogramm Sprengstoff im Osloer Regierungsviertel detonieren. Dabei kamen mindestens sieben Menschen ums Leben.

Im Geständnis bezeichnete Breivik seine Taten als "grausam, aber notwendig". Keine drei Stunden vor dem ersten Anschlag hatte er ein wirres "Manifest" im Internet abgeschlossen: "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein." Er wolle Europa vor "Marxismus und Islamisierung" retten. In dem Text stufte er "multikulturelle" Kräfte als Feind ein. Er beschrieb den Bau einer Bombe. Niemandem habe er von seinen Plänen erzählt. Er hat weder Frau noch Kinder. Passagen seines "Manifests" übernahm Breivik fast wortgetreu von dem amerikanischen "Unabomber" Ted Kaczynski. Kaczynski wurde wegen einer Serie von Briefbombenanschlägen, bei denen drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden, zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzt in einem Zuchthaus in Colorado. Die Zeitung "Aftenposten" zitierte in ihrer Online-Ausgabe, dass Breivik die mögliche eigene Festnahme nach dem Massaker als "Übergang zur Propagandaphase" einstufe. Der Attentäter hatte sich nach dem Massaker ohne Gegenwehr den auf der Insel eingetroffen Antiterrorspezialisten der Polizei ergeben. Dabei soll er noch "eine beachtliche Menge" an Munition für seine beiden Waffen gehabt haben.

Der Beinahe-Untergang eines Polizeibootes und die Entscheidung, auf die Antiterroreinheit aus Oslo zu warten, verzögerten das Einschreiten der Sicherheitskräfte. Ein im benachbarten Hönefoss angefordertes Polizeischiff habe sich für den Transport der Beamten als ungeeignet erwiesen, teilte die Polizei mit.

Sie könne Kritiker verstehen, die den Sicherheitskräften ein zu langes Zögern vorwerfen, erklärte die Polizeichefin von Hönefoss, Sissel Hammer. "Ich bitte um Verständnis, dass es seine Zeit braucht, um eine Spezialeinheit in Marsch zu setzen", sagte Hammer. Ein Beamter, der für die Sicherheit auf der Insel verantwortlich war, wurde tot gefunden. Auch er wurde von Breivik ermordet.

Unterdessen erhöhen Muslime in Großbritannien die Sicherheitsvorkehrungen für ihre Moscheen. Die Gemeinden seien besonders wachsam, sagte der Leiter einer muslimischen Vereinigung mit Hinweis auf die vermutete islamfeindliche Haltung des Tatverdächtigen. Er habe mit der Polizei über zusätzliche Schutzmaßnahmen gesprochen und berate auch mit anderen Vertretern der Muslime in Europa.