Sicherheitskonzept

Neue Gewalt in Berliner U-Bahn

Erneut ist es in der Berliner U-Bahn zu einer brutalen Gewalttat gekommen. Bei einer nächtlichen Streiterei wurde ein 20-jähriger Mann durch Messerstiche in den Oberkörper lebensgefährlich verletzt. Tatort war dieses Mal der Bahnhof Zoologischer Garten in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Wie die Polizei mitteilte, waren zwei junge Männer in der Nacht zu Freitag in einem Zug der U-Bahn-Linie 9 unterwegs. Bereits dort soll es zum Streit mit drei Unbekannten gekommen sein. Aus "nichtigem Anlass", wie Polizeisprecher Frank Millert sagte. Im U-Bahnhof Zoologischer Garten stiegen die Kontrahenten schließlich kurz nach Mitternacht gemeinsam aus. Nach bisherigen Erkenntnissen trennten sich die beiden Gruppen auf dem Bahnsteig.

Doch nur kurze Zeit später kehrte einer der drei Männer zu den beiden Heranwachsenden zurück, um erneut Streit zu suchen. Im Verlauf des Wortgefechts soll es dann zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Schließlich eskalierte die Situation, als der Mann ein Messer zog und auf die beiden jungen Männer einstach. Die Opfer konnten noch in die nächste U-Bahn flüchten. Erst dort wurde ihnen offenbar bewusst, dass sie ernsthaft verletzt waren. Der 20-Jährige hatte schwere Stichwunden am Oberkörper, sein Freund im linken Oberarm. Ein Notarzt versorgte den in Lebensgefahr schwebenden 20-Jährigen am U-Bahnhof Kurfürstendamm und brachte ihn in ein Krankenhaus, wo er notoperiert wurde. Sein Freund wurde ambulant behandelt.

Wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag hat die 2. Mordkommission die Ermittlungen übernommen. Die Fahnder konzentrieren sich zunächst auf die Videoaufnahmen aus den Kameras im U-Bahnhof und hoffen, die Täter so zu identifizieren. In den vergangenen Wochen hatten wiederholt brutale Überfälle, insbesondere in U-Bahnhöfen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), für Aufsehen und Verunsicherung unter den Fahrgästen gesorgt.

Die Polizei verwies am Freitag dagegen darauf, dass die Kriminalität insgesamt und die Gewalttaten in Bussen und Bahnen sowie auf Bahnhöfen bis 2010 von Jahr zu Jahr weniger geworden seien. Allerdings würde das Sicherheitsempfinden der Fahrgäste nicht im gleichen Maße steigen, räumte Polizeidirektor Thomas Dublies ein, der für Delikte im öffentlichen Nahverkehr zuständig ist.

Eine Erklärung könnte die Kriminalitätsentwicklung des ersten Halbjahres 2011 im öffentlichen Nahverkehr sein. Denn danach ist die Zahl der angezeigten Straftaten in den ersten sechs Monaten um 1341 auf knapp 10 000 gestiegen - das ist ein Plus von mehr als 15 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. So stieg die Zahl der angezeigten Körperverletzungen gegenüber dem ersten Halbjahr 2010 um 51 (plus 3,6 Prozent) auf 1487. Angesichts des jüngsten Übergriffs im Bahnhof Zoo sagte Polizeidirektor Dublies: "Wir sind immer wieder selber enttäuscht, wenn es zu den dramatischen Einzelfällen kommt. Das wird sich leider nie gänzlich ausschließen lassen." Dublies hält auch ein Alkoholverbot auf den Bahnhöfen, wie es zuletzt von Politikern gefordert war, für sinnvoll.

Es sei richtig gewesen, dass die Polizei und die Sicherheitskräfte der BVG deutlich mehr Präsenz in den Verkehrsmitteln und Bahnhöfen zeigen würden. Seither gibt es auch wieder die gemeinsamen Streifen von Polizei und BVG, die 2003 auch aus Kostengründen abgeschafft worden waren. Die Polizei hat dabei in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits 80 Prozent der Einsatzstunden geleistet, die sie im gesamten Vorjahr erbrachte. Die Reaktionen der Fahrgäste darauf seien "durchweg positiv", so Dublies. Er kündigte an, die Einsätze fortführen zu wollen: "Wir wollen keinen leeren öffentlichen Nahverkehr, wir wollen, dass die Leute Vertrauen haben", sagte der Polizeidirektor am Freitag.

Die Täter beeindruckt das jedoch offenbar wenig: Denn laut Statistik gab es zwar 3,2 Prozent weniger Raubüberfälle und sogar 13 Prozent weniger Anzeigen wegen Nötigung. Doch die Zahl der Taschen- und Fahrraddiebstähle nahm dramatisch zu: um jeweils mehr als 50 Prozent. Dublies macht dafür organisierte osteuropäische Banden verantwortlich, die von Großstadt zu Großstadt ziehen würden, um diese "abzugrasen".