Musterung

Rekruten verzweifelt gesucht

"Hammse nich jehört? Socken aus, aber dalli, dalli!" Rau, wenn auch mitunter trotzdem herzlich war der Umgangston so manches Mal beim Kreiswehrersatzamt in der Treptower Oberspreestraße 61. Wir erinnern uns: Mit vielen Formularen und einem strammen Kommandoton war dort die Musterung ein Vorgeschmack auf den "Barras". Aber die Zeiten haben sich geändert. Denn mit Abschaffung der Wehrpflicht sucht die Bundeswehr händeringend Soldaten.

Da kommt es auf den Ton an. So wird aus dem jahrelang üblichen Socken-Appell der nette Satz "Bitte ziehen Sie auch noch die Socken aus". Und auch den Medizinern hört man jetzt viel lieber bei der Arbeit zu. "Sie machen das sehr gut", flötet es charmant hinter dem Stethoskop hervor, wenn der Delinquent - pardon, der neue Mitarbeiter - kräftig durchatmet.

Die 52 Kreiswehrersatzämter und sieben Musterungszentren in Deutschland stecken im Umbruch. "Die Leute, die hier erscheinen, werden nicht mehr einbestellt, sondern eingeladen", sagt ein Amtsleiter. Das ist ein Unterschied: Wer früher nicht kam, wurde von der Polizei geholt. Jetzt gehen Wehrdienstberater auf die Berufsmessen und machen Reklame für den Soldatenberuf.

Früher seien die Flure immer voll gewesen, erinnern sich die Beamten. "Wir haben hier jeden Tag im Schnitt 60 Leute gehabt." Inzwischen seien es eher 15 am Tag. Manchmal weniger. "Wir sind jetzt im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern". Er fragt einen Mitarbeiter nach jemandem, der um 10.30 Uhr erscheinen wollte. "Ist nicht gekommen." Der Amtschef zuckt mit den Schultern. Mehr als höflich einladen kann man ja nicht mehr.