Karaseks Woche

Szenen einer Berliner Ehe

Ihre Hochzeit war stürmisch, ihre Zuneigung schien grenzenlos. Er war ihr Wunschpartner, wie sie seine Wunschpartnerin war. Es war eine Wunsch-Ehe, sie bezeichnete ihn, er sie als die Erfüllung.

Sie hatten aber auch beide lange aufeinander warten müssen. Sie hatte im Interesse des gewaltigen Familienunternehmens, das sie von ihrem mächtigen Übervater nach dessen Entmündigung geerbt hatte, vier Jahre in einer kalten, von gegenseitigem Misstrauen geprägten Vernunftehe ausgehalten. Ihren Gatten, Frank-Walter, ließ sie spüren, dass er nur zweite Wahl war, nicht die ihres Herzens, sondern die des Kalküls. Er war ein redlicher Langweiler. So flirtete sie in der Endphase dieses Bundes heftig, ja hemmungslos mit ihrem Prokuristen Peer, den er in die Familie eingebracht hatte.

Doch dann war sie frei, frisch geschieden und voller heißer Zukunftsträume. Sie und Guido, Guido und Angela, fielen einander überfällig selig in die Arme. So muss Glück aussehen, dachten jene, die das mit Wohlgefallen beobachteten. Da fiel es nicht weiter schlimm auf, dass er eine unglückliche Ader zu schrillen Tönen hatte und gern öffentlich auf den Putz haute. Laut und zur Unzeit. Guido schon wieder!, stöhnten die Leute, während er sich weltweit als Elefant im Porzellanladen des Familienunternehmens aufführte.

Angela und Guido, wie lang ist das her, dass die beiden Hand in Hand in die gemeinsame Zukunft zu schreiten glaubten. Sie hatte ihm die Außengeschäfte des großen Familienunternehmens überschrieben, wo er die Geschäftsfreunde verärgerte und die Klientel vergraulte. Seitdem schwächelt er, und das auch noch laut. Sie hielt zu ihm, aber aus Liebe wurde stille Duldung. Staub fiel schnell auf ihre Blütenträume. Das Glück zerbrach an der schnöden Wirklichkeit. Es rechnete sich nicht mehr. Er rechnete sich nicht mehr.

Jetzt leben sie de facto getrennt. Sie versteckt ihn bei großen Auftritten, so gut sie kann, lässt Thomas, ihren zackigen Vetter, seine Geschäfte führen. Wahrte aber immerhin den Schein. Aber die Prokura im Ausland ist er quasi los. Jetzt, bei einer riesigen Firmenveranstaltung, wo sie das Ruder der Geschäfte radikal umwarf, staunten alle nicht schlecht, dass sie sich in aller Öffentlichkeit einem neuen Mann förmlich an den Hals warf. Ihrem Ex, Frank-Walter, zog es, wie er verblüfft sagte, die Schuhe aus. Jürgen heißt er, der neue angepeilte dritte Mann, hofiert sie als "Gnädige Frau" und begrüßt sie "Willkommen im 21. Jahrhundert". Ob das dritte Glück diesmal hält? Ich weiß es nicht. Doch wie sagt man in Liebesdingen so trefflich: Grün ist die Hoffnung.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost