Karaseks Woche

Das Fleisch schlägt zurück

Fleisch ist mein Gemüse" heißt der Erfolgsroman von Heinz Strunk, den es auch als lustigen Film gibt. Der Name des Autors erinnert übrigens eher an Salate als an saftige Steaks. Und doch ist das jetzt furchtbar wahr. Wir werden von Veganern zurück über Vegetarier wieder zu Karnivoren.

Während ich über die Märkte schleiche und durch die Supermärkte gehe, strahlen mich die Gemüse in ihren schönsten Farben an. Gibt es was Prächtigeres als das Rot der Tomaten, das glänzende Grün der Gurken, den Farb-Dreiklang Gelb, Rot, Grün der Paprika, wie die Fantasiefahne eines südeuropäischen Landes? Und all das soll auf einmal nicht mehr sein!

"Das Fleisch schlägt zurück" könnte die Devise heißen. Und der Fisch gleich mit, könnte man ergänzen. Gemüse ist, wie schon die Bibel weiß, "weder Fisch noch Fleisch", und was haben wir Nichtvegetarier in den letzten Jahren gelitten. Einmal waren Würmer im Fisch, die lebensgefährlich waren, dann suchte uns der Rinderwahn heim, sodass wir auf Mark und Knochen verzichten mussten. Die Hühnerpest wütete und machte uns die weise Regierungsmaxime Heinrichs IV. von Frankreich vergessen, der seinen Untertanen versprochen hatte, das Ziel seiner Regierungskunst sei: für jeden Bürger am Sonntag ein Huhn im Topf.

Dann kam die Schweinegrippe, dann die Dioxin-Eier, noch heute gibt es Rührei in Zügen nur in der härtestmöglichen Ausführung, es hat eine Konsistenz von aufgeweichtem Zement und Mörtel, sieht aber gelb aus. Weiche Eier, das war der Tod. So wurde selbst aus mir ein Hartei. In all diesen Zeiten machten Hühnerfarmen, Fleischfabriken Pleite, Dioxin schlich sich in Lebensmittel, und Grüne empfahlen uns Rohkost, von Veganern ganz zu schweigen. Nun, da der EHEC-Bazillus wütet, haben wir vergessen, dass es schon verstrahlte Pfifferlinge und Morcheln in Tschernobyl-Folge gab, und erinnern uns daran, dass Gemüse auch nicht das Wahre ist. Jeden Tag werden neue Quellen und Ursachen der fürchterlichen Krankheit vermutet. War es ein Treffen der Gewerkschafterinnen, die in Lübeck ein Festmahl aus Steak und Salat aßen? Waren es die spanische Gurke und Tomate? War es eine Salatsoße, die in Hamburg über dem Gemüse aufplatzte? Man weiß es nicht.

Schon drohen Marktkriege wie aus kolonialer Zeit. In Fernsehnachrichten wird Russland angeklagt, es fiele in stalinistische Zeiten zurück, weil es keine Gurken aus Deutschland mehr einführen dürfe. Die konservative spanische Opposition sagt dagegen, Hamburger Sozis seien schuld. Schon droht ein Gemüsekrieg an den Grenzen der Europäischen Union.

Da können die Griechen froh sein, dass sie nur den Euro verseucht haben. Ouzo, Metaxa und Retsina sind garantiert gesund. Und wenn man sie trinkt, vergisst man den Kummer, keine Tomaten mehr essen zu dürfen.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost