Erbgut entschlüsselt

Hoffnung auf Therapie gegen EHEC-Erreger

Auf dem Weg zu einer Therapie gegen das sich schnell ausbreitende Darmbakterium EHEC haben Ärzte einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht. Sie kennen nun das Erbgut des Erregers und suchen nach einem Angriffspunkt. Inzwischen stieg die Zahl der Todesfälle auf 17.

Experten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf konnten mithilfe chinesischer Kollegen das Genom des Erregers auswerten. Bakteriologe Holger Rohde sagte: "Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen." Allem Anschein nach haben dafür zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht. In der Summe entstand ein hochgefährliches Bakterium, welches die besonders schwere Folgeerkrankung HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom) auslösen kann, erläuterte Rohde. Etwa 80 Prozent - Rohde spricht vom "Mutterschiff" - stammten vom E.-coli-Stamm O104. Die übrigen 20 Prozent wurden von einem anderen Bakterium übernommen.

Die Arbeit gelang gemeinsam mit Kollegen des chinesischen Beijing Genomics Institute. Dieses verfügt über zahlreiche moderne Apparate, die genetische Sequenzen sehr schnell lesen können.

Die neuen Erkenntnisse helfen den betroffenen Patienten allerdings nicht unmittelbar, sondern müssen in den nächsten Wochen erst ausgewertet werden. Sie können helfen, neue Therapien gegen die Krankheit zu finden. An der Medizinischen Hochschule Hannover versuchen Mediziner bereits, die Patienten mit dem Antikörper Eculizumab zu heilen. Ein Wundermittel sei dies aber bislang nicht. Bei einigen Patienten verbesserten sich zwar die neurologischen Auswirkungen der schweren Komplikationen wie Krampfanfälle und Halluzinationen. Doch ob der Antikörper diese Verbesserungen verursacht habe, sei noch unklar.

Während vor allem die deutschen Bauern unter dem von Fachleuten empfohlenen Verzicht auf Rohkost zu leiden haben, machte der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero am Donnerstag die deutschen Behörden für die Verluste der spanischen Landwirte verantwortlich. Fälschlicherweise hatten deutsche Behörden vor spanischen Gurken als Auslöser der Erkrankungen gewarnt. Erboste Bauern kippten Obst und Gemüse vor das deutsche Konsulat in Valencia.

In Berlin sind seit Mittwoch keine neuen EHEC-Fälle bekannt geworden. Weiterhin seien 25 Personen erkrankt, sagte Senatssprecherin Regina Kneiding. Die Zahl der Menschen, die wahrscheinlich von HUS betroffen sind, liegt bei zwölf. In mehr als der Hälfte der Fälle gebe es eine Verbindung zu Norddeutschland. Erkrankt seien überwiegend Frauen.

In Brandenburg gibt es zwei weitere EHEC-Verdachtsfälle. In den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Teltow sei je ein Patient hinzugekommen, teilte die Sprecherin des Brandenburger Umweltministeriums, Alrun Kaune-Nüßlein, mit. Damit gebe es jetzt elf Verdachtsfälle. Drei werden wegen HUS behandelt.

Klaus-Dieter Zastrow, Hygieneexperte der Vivantes-Kliniken Berlin, glaubt, der EHEC-Erreger werde möglicherweise gar nicht durch Gemüse übertragen. Er hält es sogar für denkbar, dass das Bakterium gezielt in die Nahrung "eingeschleust" wurde.

Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen

Holger Rhode, Bakteriologe am Klinikum Eppendorf