Karaseks Woche

Brennelemente und Munduruku

In den vergangenen Tagen las ich häufig etwas über die Brennelementesteuer, ein wichtiges Thema in der Diskussion über den Ausstieg aus der Kernenergie. Aber nicht deshalb sprang mich das Wort an, sondern wegen der vielen e-Vokale. Von der Last der Bedeutungsschwere befreit, verwandelte es sich zum Lautgedicht: Brennelemente, schön wie Ebenen und Berge.

Denen kann man kein X für ein U vormachen. Sinnentleert stehen sie plötzlich nackt da, als ob ihr Inhalt nur ein Schleier über ihrem Bild und Klang wäre, also Schall und Rauch.

Das war umso seltsamer, da in der gleichen Zeitung plötzlich ein Indianerstamm, die Munduruku, aus der Buchstabensuppe auftauchten. Indios, die am oberen Rio Tapajos in Brasilien leben und Tapire und Krokodile jagen.

Das war mir aber egal. Mir stach nur ihr fortgesetztes "u" in die Augen, und ich dachte, wie schön wäre es, wenn sie den Uhu jagten! Uhu, ein Tier, das sich noch dazu von hinten wie von vorn gleich liest. Wie das Mädchen Anna mit ihrem Kerl Otto. Mit dem Otto-Motor unterwegs, im Rückwärts- wie im Vorwärtsgang.

Mir fiel ein, wie vor Jahren bei einer Lesung eine schöne Barbara mich um ein Autogramm bat. Ohne lange zu überlegen, schrieb ich: "Barbara saß nah am Abhang." Wochen später schrieb sie mir, sie und ihr Freund hätten lange über den Sinn gegrübelt. Ich dachte, besser nicht, schrieb aber, der Satz stamme aus dem "Kleinen Hey", mit dem Schauspieler ihre Aussprache trainieren: "a - a - a - a".

Jetzt bei den Brennelementen und den Munduruku (die sich übrigens wahrscheinlich von Kukuruz, österreichisch: Mais, ernähren) kam mir Ernst Jandls Gedicht von Ottos Mops in den Sinn:

ottos mops trotzt / otto: fort mops mops fort / ottos mops hopst fort / otto: soso

otto holt koks / otto holt obst / otto horcht / otto: mops mops / otto hofft

ottos mops klopft / otto: komm mops komm / ottos mops kommt / ottos mops kotzt / otto: ogottogott

Eine dadaistische Wort-Tragödie. Übrigens: Der Held Gontscharows, der den ganzen Tag traurig und träg auf dem Sofa liegt, auf der Ottomane, und sich langweilt, heißt Oblomow - weshalb in Russland Langeweile Oblomowschtschina heißt. Ihm fehlt eine Barbara, Lara, Anna oder Tamara.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost