Terror

Pentagon zeigt Privatvideos von Bin Laden

Knapp eine Woche nach der Tötung von Osama Bin Laden hat das US-Verteidigungsministerium am Sonnabend fünf Privatvideos des Al-Qaida-Chefs veröffentlicht. Sie zeigen Bin Laden nicht nur, wie er sich selbst auf einem Fernsehschirm betrachtet, sondern auch, wie akribisch er für seine Videobotschaften geprobt hat.

Pakistanische Ermittler berichteten zudem von Aussagen der Witwe Bin Ladens, wonach der Terrorchef versucht habe, sich zu wehren, als US-Soldaten am 1. Mai seine Zuflucht im pakistanischen Abottabad stürmten.

Eines der Videos zeigt einen Bin Laden, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat: Gebeugt sitzt der ergraute Al-Qaida-Chef in einem verwahrlost wirkenden Raum. Eine Decke liegt über seinen Schultern, er trägt eine Strickkappe auf dem Kopf. Mit einer Fernbedienung schaltet er durch die Satellitenkanäle, um immer wieder bei Beiträgen zu verharren, die ihn selbst zeigen. Dabei wippt der Top-Terrorist nickend vor und zurück. Ein weiteres Video beinhaltet eine Botschaft an Amerika, in der Osama Bin Laden mit schwarz gefärbten Haaren und offenbar geschminkt gegen den Kapitalismus wettert. Die restlichen drei sind Übungssitzungen für weitere Videobotschaften. Die Videos wurden ohne Ton veröffentlicht. Das Pentagon argumentiert, man wolle nicht, dass die Aussagen Bin Ladens für militante Propaganda missbraucht werden.

Aktives Kommandozentrum

Nach Meinung der US-Regierung belegen die Aufnahmen, dass Bin Laden Anschläge geplant und taktische Entscheidungen getroffen habe. Das Anwesen sei zudem ein aktives Kommando- und Kontrollzentrum gewesen. Das Material gehört zu den über hundert Audio- und Videodokumenten, die amerikanische Spezialkräfte sichergestellt hatten. Laut den Ermittlern sei es die größte Menge an Informationen, die jemals bei einem Top-Terroristen gefunden worden sei. Darunter sind auch Telefonnummern, mit deren Hilfe die US-Ermittler al-Qaida zerschlagen wollen.

Daneben wurden weitere Details über Bin Ladens Aufenthalt in Abottabad und seine letzten Minuten bekannt. Laut der pakistanischen Zeitung "Dawn" sagte Bin Ladens Frau Amal al-Sadah, die von den US-Soldaten durch einen Schuss ins Bein verletzt worden war, sie habe sich gerade mit ihrem Mann ins Schlafzimmer zurückgezogen, als erste Schüsse fielen. Der Terrorchef habe noch nach seiner Kalaschnikow greifen wollen, als die US-Soldaten in das Zimmer stürmten. Diese Aussage stützt die Version der US-Regierung, Bin Laden habe verdächtige Bewegungen gemacht und sei daraufhin erschossen worden. Das Weiße Haus hatte zuvor bekannt gegeben, dass der Al-Qaida-Chef unbewaffnet gewesen sei, sich aber auf andere Weise gewehrt habe.

Wie al-Sadah den Ermittlern weiter erzählte, hätten sie und ihr Mann siebeneinhalb Jahre in Pakistan gelebt. "Bin Ladens Frau Amal hat Ermittlern gesagt, sie hätten zunächst in einem Dorf in der Region Haripur für etwa zweieinhalb Jahre gelebt und seien dann Ende 2005 nach Abbottabad gezogen", sagte ein hochrangiger pakistanischer Sicherheitsbeamter. Einwohner des Orts Chak Shah Mohammad dementierten allerdings, der Al-Qaida-Chef habe dort in einer Höhle gelebt. Bin Laden und seine Familie sollen das Anwesen in Abottabad in der gesamten Zeit niemals verlassen haben. Auch sonst lebte der Top-Terrorist völlig abgeschottet.

Die Aussagen setzen den pakistanischen Geheimdienst und die Regierung, die von den milliardenschweren Finanzhilfen der USA abhängig ist, erneut unter Druck. In den USA wird offen angezweifelt, dass die pakistanische Regierung nichts über das Versteck Bin Ladens gewusst haben will. Pakistan wiederum greift die USA scharf an, weil es keine Informationen über den Einsatz gegeben habe.

Obwohl Osama Bin Laden kein Telefon gehabt haben soll, kamen die Fahnder ihm durch ein Telefonat auf die Schliche. Wie die "Washington Post" berichtete, handelte es sich um ein Handygespräch von Bin Ladens Kurier Abu Ahmed al-Kuwaiti mit einem alten Freund. Dabei habe der Freund den Kurier gefragt, wo er denn so lange gesteckt habe. Daraufhin habe der geantwortet: "Ich bin wieder bei den Leuten, bei denen ich früher war." Nach einer langen Pause habe sein Freund gesagt: "Möge Gott euch beistehen." Den US-Ermittlern sei klar gewesen, dass sie auf eine heiße Spur gestoßen waren.