Al-Qaida

USA: Bin Laden war unbewaffnet

Osama Bin Laden war nach Angaben der US-Regierung bei seiner Tötung nicht bewaffnet. Das teilte das Weiße Haus am Dienstagabend mit. Allerdings habe sich der Al-Qaida-Chef bei dem Einsatz der Elitesoldaten in seinem Anwesen im pakistanischen Abottabad auf andere Weise zur Wehr gesetzt, sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney.

Bei dem Einsatz wurden ein Computer und mehrere Festplatten Bin Ladens beschlagnahmt. Die USA erhoffen sich nun neue Hinweise über die Pläne von al-Qaida. Gleichzeitig sorgte die fragwürdige Rolle Pakistans weiter für Diskussionen. Die Furcht vor Vergeltungsanschlägen wuchs am Dienstag weiter: Im britischen Sellafield wurden fünf Männer nahe einem Atomkraftwerk unter Terrorverdacht festgenommen.

"Sehr explosive Situation"

Obamas Sprecher Carney führte aus, dass Bin Laden in einem "unberechenbaren Schusswechsel" erschossen worden sei. Weitere Details wollte er nicht nennen. Die US-Regierung hatte zuvor gesagt, Bin Laden habe Widerstand geleistet und sei daraufhin erschossen worden. Widerstand erfordere keine Schusswaffe, sagte Carney. "Wir erwarteten massiven Widerstand, und wir trafen auf massiven Widerstand." Viele andere Leute in dem Anwesen seien bewaffnet gewesen. Er korrigierte zugleich Angaben der US-Regierung vom Montag, dass eine der Ehefrauen Bin Ladens erschossen worden sei. Die Frau sei auf die Soldaten zugestürmt und ins Bein getroffen worden. Während der gesamten Aktion habe es intensive Feuergefechte gegeben, so Carney. Er sprach von einer "sehr explosiven Situation".

Die US-Regierung veröffentlichte zudem ein Foto, dass Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden und Außenministerin Hillary Clinton im Situation Room zeigt, wie sie gespannt den Durchsagen von CIA-Chef Leon Panetta lauschen, der den Einsatz live kommentierte. Dazu liefen offenbar Bilder von den Helmkameras der Navy Seals.

Unterdessen werten die USA laut dem US-Internetmagazin "Politico" Datenträger aus, die bei der Erstürmung von Bin Ladens Anwesen sichergestellt worden seien. Die Festplatten seien an einen geheimen Ort in Afghanistan gebracht worden und würden von Hunderten Experten untersucht. "Könnt ihr euch vorstellen, was alles auf Osama Bin Ladens Festplatte ist?", zitierte "Politico" einen Regierungsbeamten. Geheimdienstler seien begeistert. "Wenn nur zehn Prozent davon verwendbar sind, dann wäre das toll."

Unklar bleibt zunächst, welche Rolle Pakistan bei der jahrelangen Flucht des Terroristen spielte. Eine "ein Jahrzehnt andauernde Kooperation und Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Pakistan" habe zur Tötung des Terroristenchefs geführt, schrieb Präsident Asif Ali Zardari in der "Washington Post". Zugleich räumte er ein, Bin Laden sei an einem Ort gefunden worden, wo man ihn nicht vermutet habe. Unter Sicherheitsexperten gibt es starke Zweifel, dass sich Bin Laden in Pakistan ohne Wissen von Geheimdiensten und anderen Behörden des Landes aufhalten konnte. Offenbar trauten auch die USA dem angeblichen Verbündeten nicht. CIA-Chef Leon Panetta sagte dem US-Magazin "Time", man habe entschieden, "dass alle Versuche einer Zusammenarbeit mit den Pakistanern die Mission gefährden könnten". Die USA hätten befürchtet, dass "sie die Ziele alarmieren könnten".

Für Aufregung sorgte die Festnahme von fünf Männern am Atomkraftwerk Sellafield. Die Verdächtigen, die alle um die 20 Jahre alt seien, hätten die Anlage gefilmt. Nach Polizeiangaben waren die aus Bangladesch stammenden Männer bei einer Fahrzeugkontrolle einer Polizeieinheit aufgefallen, die zum Schutz der Nuklearanlage abgestellt ist. Eine Antiterroreinheit der Polizei hat die Befragung der Männer übernommen. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt.

"Wir müssen wachsam bleiben"

An der Sicherheitslage in Deutschland ändert sich derzeit nichts. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte am Dienstag in Berlin, er rechne damit, dass die Terrorgefahr mittelfristig eher sinken werde. "Natürlich müssen wir wachsam bleiben und uns auch darauf einstellen, dass es Gegenreaktionen gibt. Aber ich denke, unterm Strich ist es eine Vergrößerung der Sicherheit, wenn ein solcher Terrorist sein Handwerk nicht fortsetzen kann." Kritiker werfen den USA unterdessen vor, die Tötung Bin Ladens sei unrechtmäßig gewesen. Der Grünen-Abgeordnete Tom Koenigs sagte dem RBB-Sender Radio Eins, er teile zwar die Erleichterung vieler. Es sei aber zweifellos weniger ein Akt der Gerechtigkeit "als ein Akt des Krieges". Der Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Menschenrechte sagte weiter: "Diese gezielten Tötungen hinterlassen immer ein Gefühl des Unbehagens, weil sie eben auf völkerrechtlich dünnem Boden sind." Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte: "Mir als Jurist wäre es lieber gewesen, wenn er vor dem internationalen Strafgerichtshof zur Verantwortung gezogen worden wäre."