Bildung

Deutschlands Lehrer wünschen sich bessere Eltern

Deutschlands Lehrer fühlen sich von den Eltern ihrer Schüler oft im Stich gelassen. Mehr als drei Viertel der Pädagogen sind nach einer Allensbach-Umfrage der Meinung, dass Eltern oftmals mit der Erziehung überfordert sind und zu wenig darauf achten, wie die Kinder ihre Freizeit verbringen.

Vor allem Hauptschullehrer glauben, dass Eltern sich zu wenig für die schulischen Leistungen ihres Nachwuchses interessieren (74 Prozent). An Gymnasien sind nur 28 Prozent der Lehrer dieser Meinung. Knapp drei Viertel (72 Prozent) der befragten Lehrer beobachten zudem, dass Eltern oftmals zu wenig Zeit für ihre Kinder haben.

Für die am Dienstag in Berlin vorgestellte Allensbach-Studie wurden 2227 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger sowie 536 Lehrerinnen und Lehrer im Auftrag der Vodafone-Stiftung befragt.

Wenig schmeichelhaft ist auch das Urteil vieler Lehrer über ihre Schüler. 90 Prozent der Befragten sehen ihre Schüler von den Medien geprägt, materialistisch eingestellt (71 Prozent) und durch Konzentrationsprobleme behindert (75 Prozent). Zudem seien sie selbstbezogen (59 Prozent) und sehr an Äußerlichkeiten orientiert (58 Prozent). 60 Prozent der Lehrer gaben an, der Unterricht und der Umgang mit Schülern sei in den vergangenen fünf bis zehn Jahren anstrengender geworden. Dennoch würde sich eine große Mehrheit von 76 Prozent wieder für den Lehrerjob entscheiden.

Der kritischen Haltung der Lehrer gegenüber Eltern und Schülern stehen immer größere Erwartungen der Eltern an die Schulen gegenüber. Gefordert werde nicht nur die erfolgreiche Vermittlung von Rechtschreibung und Grammatik (86 Prozent) und guter Allgemeinbildung (79 Prozent), sondern auch von Werten wie Pünktlichkeit und Hilfsbereitschaft (jeweils 66 Prozent) sowie Leistungsbereitschaft (65 Prozent).

Die Lehrer wiederum bewerten den deutschen Bildungsföderalismus sehr kritisch. Mehrheitlich fordern sie dessen Abschaffung. 61 Prozent der Pädagogen sprachen sich dafür aus, die Zuständigkeit für die Bildungspolitik von den Ländern auf den Bund zu übertragen. Fast drei Viertel der Lehrer fordern, dass es in ganz Deutschland einheitliche Abschlussprüfungen an den Schulen gibt. Nur 17 Prozent sprachen sich dagegen aus.

Insbesondere Lehrer in Ostdeutschland stehen der dezentralen Bildungspolitik skeptisch gegenüber. 83 Prozent fordern, dass der Bund sich der Bildungspolitik annehmen soll. Nur zwölf Prozent wollen die Hoheit dafür bei den Ländern belassen. Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher erklärte die Entwicklung mit der steigenden Mobilität der Bevölkerung: "Die Menschen möchten bei einem Umzug nicht in eine völlig andere Bildungswelt kommen", sagte sie.

Neben einer Zentralisierung der Bildungskompetenz fordern die Pädagogen auch mehr Freiheiten für die Schulen. Rund zwei Drittel sprachen sich für mehr Gestaltungsmöglichkeiten etwa bei der Lehrplangestaltung und der Einstellung neuer Lehrer aus. Die besten schulpolitischen Rahmenbedingungen bieten aus Sicht der Lehrer Bayern (49 Prozent) und Baden-Württemberg (37 Prozent).

Weiter beklagen die Lehrer unzureichende Möglichkeiten, ihre Schüler individuell zu fördern, obwohl drei Viertel dies für wichtig erachten. "Doch nur 24 Prozent attestieren dies der eigenen Schule", sagte Allensbach-Chefin Köcher. Auch Kurse für benachteiligte Schüler oder die Förderung begabter Kinder würden an ihren Schulen nur zu 36 beziehungsweise 17 Prozent umgesetzt.

Zweifel herrschen in der Bevölkerung über die Durchlässigkeit des Schulsystems. Die Möglichkeit, nachträglich einen höheren Schulabschluss zu erlangen, bezeichnet knapp die Hälfte der Befragten (45 Prozent) selbst für gute Schüler als schwierig.