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Ermittlungen nach Massenunfall

Einen Tag nach der Massenkarambolage auf der Autobahn 19 nahe Rostock suchen Politik und Justiz nach den möglichen Ursachen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen die Ermittlungen aufgenommen. "Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung", sagte Staatsanwältin Maureen Wiechmann am Sonnabend. Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister forderte eine Debatte über Tempolimits.

Bei dem Unfall am Freitagmittag waren in einem Sandsturm auf beiden Fahrspuren insgesamt etwa 80 Fahrzeuge ineinander gerast, mehr als 30 gerieten in Brand. Acht Menschen starben, mehr als 130 Menschen wurden verletzt, 24 von ihnen werden noch in den umliegenden Krankenhäusern behandelt. Es war der verheerendste Massenunfall der vergangenen 20 Jahre in Deutschland.

Keine Kinder unter den Toten

Die acht Todesopfer stammen aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Wie ein Sprecher des Lagezentrums im Schweriner Innenministerium sagte, waren keine Kinder unter den Toten. Vier Verstorbene, darunter ein Ehepaar, kämen aus Mecklenburg-Vorpommern. Ein Paar aus Brandenburg war ums Leben gekommen, je ein Mensch sei aus Berlin und Sachsen-Anhalt gestorben. Weitere Einzelheiten wollte die Polizei mit Rücksicht auf Angehörige und die noch offenen rechtsmedizinischen Untersuchungen nicht nennen. Die Untersuchungen, auch zur Todesursache, sollen erst am Montag stattfinden.

Der Grund für den Unfall soll extrem schlechte Sicht gewesen sein. Der Sturm hatte Sand von umliegenden Feldern aufgewirbelt und über die Autobahn geweht. Experten der Prüforganisation Dekra sollen jetzt klären, "ob Autofahrer angesichts der Sandwand zu schnell oder zu unvorsichtig gefahren sind."

Nach Angaben der Staatsanwältin waren die Gutachter bereits am Freitag am Unfallort und beschlagnahmten etwa fünf Autos, um die Abfolge der Massenkarambolage zu klären. "Die Untersuchungen werden aber noch mehrere Tage dauern", sagte Wiechmann. Gegen den Landwirt, der das angrenzende Feld vor dem Sturm gepflügt hatte, wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht ermittelt. Ein erstes Ergebnis lieferte am Nachmittag die Feuerwehr. So sei das Flammeninferno von einem Pkw ausgegangen. "Das war ein Auto, das stand mittendrin und brannte", sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr, Hannes Möller. Durch den starken Wind und die zusammenstehenden Autos habe sich das Feuer schnell auf benachbarte Pkw ausdehnen können. An der Unfallstelle gab es kein Tempolimit.

Debatte um Tempolimit

Landesverkehrsminister Volker Schlotmann (SPD) verlangte daher am Sonnabend eine Debatte über Geschwindigkeitsbegrenzungen. "Man kann nicht jeden Unfall durch Verkehrsregeln verhindern. Wir müssen aber darüber reden, ob und wie Tempolimits zu mehr Sicherheit beitragen können", erklärte der SPD-Politiker. Sobald die Autobahn freigeräumt und vorläufig repariert ist, soll die Geschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer begrenzt werden.

Am Nachmittag war die Fahrbahn nach Berlin bereits wieder geräumt. Die deutlich stärker beschädigte Fahrbahn nach Rostock soll "wenn alles gut läuft am Sonntag wieder für den Verkehr freigegeben werden", sagte Eckmund Klein von der Autobahnmeisterei Kavelstorf. Eine komplette Reparatur sei geplant, zur Schadenshöhe könne man nichts sagen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gab unterdessen der Agrarindustrie eine Mitschuld am Entstehen des Sandsturms. "Durch die jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur haben die Böden immer weniger Humusgehalt, sie degradieren", sagte der BUND-Agrarexperte Burkhard Roloff.

Eine wesentliche Rolle spielten auch die riesigen Felder. "Die Knicks (Hecken) sind weg, das ist eine Altlast aus Ostzeiten", sagte Roloff. Die Wind-Erosion sei auf den großen Feldern in Mecklenburg-Vorpommern viel größer als etwa in Schleswig-Holstein. "Das ist totaler Unsinn", entgegnete der Präsident des Bauernverbands Mecklenburg-Vorpommern, Rainer Tietböhl. In den vergangenen Wochen habe eine enorme Trockenheit geherrscht, "da kann kein Landwirt was dafür". In der Region hatte es seit längerer Zeit nicht mehr ergiebig geregnet.

"Wir müssen darüber reden, ob Tempolimits zu mehr Sicherheit beitragen können"

Volker Schlotmann (SPD), Verkehrsminister Meckl.-Vorpommern