Drohender Super-GAU

Japans Wettlauf mit der Zeit

Mit Wasserwerfern und Hubschraubern kämpfen die Helfer im japanischen Kraftwerk Fukushima verzweifelt gegen die Ausweitung der Atomkatastrophe - bislang vergeblich. Die Hubschrauberflüge zur Kühlung eines überhitzten Reaktors wurden nach vier Einsätzen wieder eingestellt, weil die Wassermassen nicht zielgerichtet abgelassen werden konnten.

Die Wasserwerfer wurden abgezogen, sollen am Morgen aber wieder eingesetzt werden. Die Helfer wollen außerdem ein neues Stromkabel zum Kraftwerk legen, damit die Kühlung wieder versorgt werden kann.

Doch trotz aller Maßnahmen hat sich die Lage in den Druckbehältern der Reaktoren bis Donnerstagabend nicht verbessert. Nach Angaben der japanischen Atomaufsicht liegen die Brennstäbe in Reaktor 1 weiterhin auf etwa 1,80 Meter Länge frei, in Einheit 2 sind es 1,40 Meter, in Einheit 3 bis zu 2,30 Meter. Weiterhin droht eine Kernschmelze.

Ob der Super-GAU in Fukushima noch verhindert wird, entscheidet sich nach Ansicht des Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz vermutlich bis Sonnabend. Wenn die Kühlversuche scheiterten, komme es zur Katastrophe, sagte Sebastian Pflugbeil. "Es wird sich wahrscheinlich heute, spätestens morgen entscheiden, ob es noch gelingt, da irgendwas zu machen." Funktioniere das Kühlen nicht, würden die freiliegenden Brennelemente in Reaktor 4 immer heißer, die Hüllen gingen kaputt. Möglicherweise komme es auch zu Bränden. Dann würde "die geballte Radioaktivität von mehreren Jahren Betriebsdauer" freigesetzt werden, erläuterte der Experte der atomkraftkritischen Organisation. In Block 4 befindet sich ein Abklingbecken für gebrauchte Brennelemente. Man wisse, wie schnell Brennelemente heiß würden, wenn das Wasser weg sei. Weiter sagte er: "Wenn das passiert, dann ist die ganze Anlage so hoch radioaktiv verseucht, dass man da praktisch nichts mehr machen kann. Und dann nimmt das Schicksal seinen Lauf, und es kommt zu einer Katastrophe, die sich hinter Tschernobyl nicht zu verstecken braucht."

Der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco hat 20 freiwillige Helfer für die Arbeit im Atomkraftwerk Fukushima gefunden. Es soll sich sowohl um Firmenmitarbeiter als auch um Mitarbeiter anderer Unternehmen handeln.

Die offizielle Zahl der Opfer des Erdbebens wird nach mittlerweile einer Woche mit mehr als 5 300 angegeben, Schätzungen gehen aber mindestens von doppelt so vielen Toten aus. Mehr als 450 000 Menschen haben in Notunterkünften Zuflucht gefunden. Während es bei der Versorgung mit Lebensmitteln offenbar keine massiven Probleme gibt, fehlt es vor allem an Kraftstoffen und bei der medizinischen Versorgung. So starben in der Nähe von Fukushima 14 ältere Patienten nach der Evakuierung aus einem Krankenhaus. "Wir hatten einfach nicht die Möglichkeiten, gute Pflege zu gewährleisten", sagte ein Beamter.

Unterdessen prüfen Betreiber von deutschen Atomkraftwerken rechtliche Schritte gegen das Moratorium der Bundesregierung zur Laufzeitverlängerung. Nachdem schon RWE juristische Schritte angekündigt hatte, erwäge auch E.on eine Klage gegen die Verfügung des Bundesumweltministeriums, berichtete die "Süddeutsche Zeitung".