Reaktorunglück

Atomkraftwerk außer Kontrolle

Japan steuert immer mehr auf einen atomaren Super-GAU zu. Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima verschlechterte sich weiter. Die Betreiberfirma Tepco meldete am Donnerstag (Ortszeit) Probleme in den bislang von der Katastrophe nicht betroffenen Reaktoren 5 und 6, in denen die Temperatur um das Doppelte angestiegen sei.

Derweil drohte der Konzern den Kampf um die schwerbeschädigten Reaktoren 3 und 4 zu verlieren. In einem verzweifelten Wettlauf mit der Zeit versuchten die wenigen verbliebenen Arbeiter das Schlimmste zu verhindern.

Die Schäden am Kern dreier Reaktoren in dem 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Komplex seien bestätigt, teilte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien mit. In einem Abklingbecken am Reaktor 4 befindet kein Wasser mehr, sagte der Chef der US-Atomsicherheitsbehörde NRC, Gregory Jaczko, am Mittwoch in Washington. In dem Becken lagern Brennstäbe. Laut dem französischen Institut für Atomsicherheit IRSN müsste das Wasserniveau in spätestens 48 Stunden gehoben werden. Sollte dies nicht gelingen, könnten sich nach Einschätzung des IRSN die Brennstäbe selbst entzünden. In der Folge würde die Strahlung so hoch, dass jeder weitere Einsatz in der Anlage unmöglich würde.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger warnte vor katastrophalen Ereignissen in Fukushima, die innerhalb weniger Stunden eintreten könnten. Das Kraftwerk sei faktisch außer Kontrolle. Daraufhin beschleunigte sich die Abwärtsbewegung an den Börsenplätzen in Europa und den USA.

Zwar versuchte eine Sprecherin später, die Äußerungen Oettingers zu relativieren, indem sie einschränkte, diese beruhten nicht auf besonderen Informationen, sondern auf Medienberichten. Doch der französische Energieexperte Mycle Schneider hatte schon zuvor über die verzweifelten Bemühungen zur Eindämmung der Katastrophe in Fukushima gesagt: "Das ist kein Management mehr. Das ist nur noch Sterbehilfe."

Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Lage "sehr, sehr ernst". Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reisewarnung. Es empfiehlt nun allen Deutschen, die Region um Fukushima und den Ballungsraum Tokio zu verlassen. Besorgte Worte kamen auch aus Russland. "Unglücklicherweise entwickelt sich die Lage nach den schlimmsten Annahmen", sagte Sergej Kirijenko, dem die militärischen und zivilen Atomanlagen aus Sowjetzeiten unterstehen. Das russische Außenministerium will von Freitag an die Angehörigen von Diplomaten ausfliegen. Die US-Regierung legt amerikanischen Staatsbürgern im Umkreis von 80 Kilometern um das AKW Fukushima das Verlassen der Region ans Herz. Die japanische Regierung hat bisher nur Gebiete im Umkreis von 20 Kilometern evakuiert.

Am Katastrophenort räumten Arbeiter im Wettlauf mit der Zeit Schutt beiseite, um der Feuerwehr einen Weg zum Reaktor 4 des Kraftwerkskomplexes Fukushima zu bahnen. Wie verzweifelt die Lage ist, belegten Planungen der Polizei, Wasserwerfer zur Kühlung einzusetzen. Auch Soldaten sollen helfen. Die Lage in dem in Brand geratenen Meiler sei "nicht so gut", räumte der Betreiber ein. Priorität hat nach Angaben des Betreibers Tepco jedoch der Reaktor 3, dessen Dach durch eine Explosion beschädigt wurde und aus dem zeitweise Dampf entwich. Hubschrauber konnten die Anlage wegen der hohen Strahlung nicht aus der Luft mit Wasser kühlen. Auch die verbliebenen 50 Arbeiter der Betreiberfirma Tepco mussten das Gelände zeitweilig wegen zu hoher Strahlungswerte verlassen. Tepco kündigte inzwischen einen neuen Helikopter-Einsatz an.

Für Experten kommen die Bemühungen zur Eindämmung der Katastrophe einem letzten verzweifelten Versuch gleich. "Das ist ein langsam ablaufender Albtraum", sagte der Physiker Thomas Neff vom Massachusetts Institute of Technology. "Die scheinen das Handtuch geworfen zu haben", kommentierte der Kraftwerksingenieur Arnie Gundersen den Umstand, dass die Zahl der Arbeiter im AKW von 800 auf 50 verringert wurde. So bekomme man die Lage nicht in den Griff.

Trotzdem verbreitete das Atom-Unternehmen Tepco gestern noch einmal Hoffnung: Eine zur Abwendung eines Super-GAUs notwendige neue Stromleitung sei fast fertig. Ein Sprecher von Tepco sagte am Donnerstagmorgen (Ortszeit), die Leitung solle "so schnell wie möglich" in Betrieb genommen werden. Die neue Leitung könnte das Kühlsystem wieder in Gang bringen und so eine drohende Kernschmelze verhindern.