Bundesregierung will alte Kernkraftwerke abschalten

Nach Katastrophe in Japan: Atomwende in Deutschland

Unter dem Eindruck der möglichen Atom-Katastrophe in Japan hat die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke ausgesetzt. Damit könnten die ältesten Meiler schon bald vom Netz gehen. Die Opposition kritisierte die Entscheidung als Wahlkampf-Taktik.

In Japan steuerte die Situation nach weiteren Explosionen in Fukushima 1 und massiven Problemen mit der Kühlung auf den Super-GAU zu. Ein Teil des stählernen Schutzmantels im Reaktorblock 2 der Anlage Fukushima 1 ist nach Angaben der japanischen Regierung offenbar beschädigt worden. Regierungssprecher Yukio Edano sagte am frühen Dienstagmorgen, damit könnten erhebliche Mengen Radioaktivität entweichen.

Merkel: "Absolut keine Tabus"

Das deutsche Moratorium gilt für drei Monate. "Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag. Alle Meiler würden im Lichte der Erkenntnisse aus Japan einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Am Abend sagte Merkel im ZDF, es werde "absolut keine Tabus geben". Eine Rückkehr zur rot-grünen Energiepolitik schloss die Kanzlerin aber aus.

FDP-Chef und Vizekanzler Guido Westerwelle kündigte die Einsetzung einer unabhängigen Expertenkommission zur Risikoanalyse aller 17 deutschen Atomkraftwerke an. Auch wenn in Deutschland kein Erdbeben und keine Flutwelle wie in Japan zu erwarten seien, müssten die hiesigen Risiken neu analysiert und bewertet werden.

Für ältere Kraftwerke wie Biblis A in Hessen oder Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg, die überhaupt nur wegen der Laufzeitverlängerung noch am Netz sind, bedeutet die Entscheidung, dass sie abgeschaltet werden. "Das wäre die Konsequenz, sonst wäre es ja kein Moratorium", sagte Merkel auf die Frage, was mit jenen Kraftwerken passiere, deren Reststrommengen laut dem Atomkonsens aus dem Jahr 2000 eigentlich schon verbraucht sind.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) machte später noch einmal deutlich, dass Neckarwestheim 1 vom Netz müsse und wahrscheinlich auch nach den drei Monaten keinen Strom mehr produzieren werde. Zugleich sagte er, dass auch diskutiert werde, die gesamte Laufzeitverlängerung zu stoppen. Biblis A wird laut der hessischen Landesregierung im Juni für zunächst einmal acht Monate heruntergefahren. Und Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) will Isar I abschalten.

Die Opposition hatte vehement den Ausstieg aus der Atomkraft gefordert. Sie kritisierte am Montag, die Regierung wolle sich nur über die Landtagswahlen retten. In Baden-Württemberg wird am 27. März ein neuer Landtag gewählt. Zehntausende Menschen forderten deutschlandweit bei rund 400 Mahnwachen den sofortigen Atomausstieg. Die Initiative "Ausgestrahlt" sprach von 110 000 Teilnehmern.

Unterdessen lief in Japan alles auf einen Super-GAU zu. Die Betreibergesellschaft Tepco verlor immer mehr die Kontrolle über drei von vier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima 1. Am Morgen ereigneten sich auch in Reaktor 3 zwei Wasserstoff-Explosionen, die den äußeren Schutzmantel zerstörten. Der eigentliche Reaktor soll jedoch standgehalten haben. Bereits am Sonnabend war die äußere Hülle von Reaktor 1 durch eine Explosion zerstört worden. Sowohl in Reaktor 1, 2 und 3 soll inzwischen die Kernschmelze eingesetzt haben. Regierungssprecher Yukio Edano sagte, eine Kernschmelze in den drei Reaktoren sei "höchstwahrscheinlich". Man versuche weiterhin, den Zustand der Brennstäbe von Block 2 zu ermitteln, so Ryohei Shiomi von der Atomaufsichtsbehörde: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie inzwischen beschädigt wurden." Techniker hatten immer wieder versucht, die Brennstäbe mit Meerwasser und Borsäure zu fluten, um so die Kettenreaktion zu stoppen. Dennoch lagen sie am Montag zumindest in Reaktor 2 mindestens 140 Minuten völlig frei, weil das Wasser zu schnell verdampfte. Das radioaktiv verseuchte Wasser wird direkt ins Meer zurück geleitet, bestätigte die Behörde

Am Haupttor von Fukushima 1 stieg die Strahlung am Abend mit 3100 Mikrosievert auf das Doppelte des zuvor gemessenen Maximums - bei einer Röntgenaufnahme des Oberkörpers sind es rund 80 Mikrosievert. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA glaubt dennoch nicht, dass sich der Unfall zu einem zweiten Tschernobyl entwickelt.

Beim Wetter könnte der Dienstag für Japan ein "kritischer Tag" werden, sagte der Meteorologe Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst (DWD). In der Nacht und im Laufe des Tages drehe der Wind aus West auf Norden bis Nordosten. Der Nordwind könnte radioaktive Substanzen von Fukushima bis in das 240 Kilometer entfernte Tokio wehen. Im Großraum der Hauptstadt leben rund 35 Millionen Menschen.