Naturkatastrophe

Atomalarm nach Jahrhundert-Beben

Japan ist am Freitag von dem schwersten Erdbeben in seiner Geschichte heimgesucht worden. Der Erdstoß der Stärke 8,9 vor der Nordostküste löste einen verheerenden Tsunami aus, dem wahrscheinlich Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind. In einem Atomkraftwerk bestand die Gefahr einer Kernschmelze.

Für den gesamten Pazifikraum wurde eine Flutwellenwarnung ausgegeben. Die Weltgemeinschaft bot umfassende Hilfe an.

Der vernichtende Erdstoß traf den Nordosten Japans um 14.45 Uhr Ortszeit (6.45 Uhr MEZ). Das Epizentrum lag 24,4 Kilometer unter dem Meeresboden, 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai auf der Insel Honshu. Im Küstengebiet fielen Gebäude durch die Erschütterung in sich zusammen, Straßen rissen auf. Nur wenige Minuten später raste ein zehn Meter hoher Tsunami mit einer Geschwindigkeit von 80 bis 100 Stundenkilometern etwa fünf Kilometer weit ins Landesinnere und vernichtete alles auf seinem Weg. In der Millionenstadt Sendai und Umgebung wurden Felder, der Hafen sowie zahlreiche Fischerdörfer von dem Wasser verschlungen. Fernsehbilder zeigten, wie die Wasserwand Lastwagen, riesige Containerschiffe und Gebäude wie Spielzeug mitriss. Brände brachen aus, auch mehrere Ölraffinerien standen in Flammen, die Feuer waren auch Stunden später außer Kontrolle.

Im 400 Kilometer entfernten Tokio schwankten die Gebäude, hielten aber größtenteils stand. Allerdings stürzten Fassadenteile auf die Straßen, in Decken und Wänden taten sich Risse auf. Ein Teil der Stromversorgung fiel aus, mehr als vier Millionen Haushalte waren ohne Elektrizität. Der Flughafen Narita wurde geschlossen. Auch der Zugverkehr und der Tokioter U-Bahn-Betrieb wurden eingestellt. Wie viele Menschen durch das Jahrhundert-Beben und den Tsunami ums Leben gekommen sind, war zunächst unklar. Die Polizei erklärte, nach vorläufigem Stand gebe es mindestens 378 Tote und 349 Vermisste sowie knapp 1000 Verletzte. Allerdings wurden allein im Küstengebiet von Sendai 200 bis 300 Leichen entdeckt. Hunderte Gebäude wurden weggespült, ein Schiff und ein Zug blieben vermisst. Beobachter rechnen deshalb mit Tausenden Toten.

Ministerpräsident Naoto Kan rief zudem Atomalarm aus. Zwar wurden alle Kernkraftwerke in der betroffenen Region sofort automatisch heruntergefahren, dennoch führte das Erdbeben zu Störfällen. In einem Turbinengebäude der Anlage Onagawa brach ein Feuer aus. Strahlung wurde jedoch nicht freigesetzt. Wesentlich dramatischer war die Situation in dem Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Dort versagte durch das Erdbeben das Kühlsystem. Techniker schalteten zwar ein Notkühlsystem ein, doch die Notstromanlage war ebenfalls defekt. Dadurch lief die Kühlung nur noch auf Batteriebetrieb. Der Betreiber Tokyo Electric Power (Tepco) teilte mit, dass der Wasserstand in den Reaktoren des AKW abnehme, weil die Wasserzufuhr unterbrochen sei. Damit bestand die Gefahr, dass die normalerweise von Kühlwasser umgebenen Brennstäbe trockengelegt werden und dann überhitzen. In diesem Fall kann es zu einer Kernschmelze kommen. Auch nach dem Abschalten muss ein Reaktor wegen der enormen Restwärme weiter gekühlt werden. Die Tepco-Mitarbeiter bemühten sich bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe erfolglos, die Notstromversorgung wiederherzustellen. Tepco zufolge seien zwar drei bis vier Generatorenfahrzeuge vor Ort, allerdings fehle ein passendes Kabel, das eingeflogen werden sollte. Am Abend stieg der Druck in dem Reaktor auf das 1,5-fache des Normwerts. Tepco wollte langsam radioaktiven Dampf in die Umwelt ablassen, um so den Druck zu verringern. Eine Gefahr für die Menschen gebe es nicht, so die japanische Atomsicherheitsbehörde. Drei Kilometer rund um Fukushima Daiichi wurden etwa 3000 Anwohner evakuiert. Die Ingenieure täten ihr Möglichstes, so die Atombehörde. Die Aussichten auf Erfolg seien derzeit jedoch gering.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) wollte eine Kernschmelze ebenfalls nicht ausschließen. "Das ist eine ernste Situation", sagte er. Angesichts der weiten Entfernung und des angekündigten Wetters sei für Deutschland nicht mit radioaktiver Strahlung zu rechnen.

Die Lage wurde noch verschärft, als am Abend erneut die Erde bebte, dieses Mal mit der Stärke 6,6. Die japanische Regierung gab eine weitere Tsunami-Warnung heraus. Die US-Erdbebenwarte hatte bereits kurz nach dem ersten Beben 50 Länder vor der Flutwelle gewarnt, darunter Indonesien, die USA, Mexiko und Chile. Diese erreichte am Abend die rund 10 000 Kilometer entfernte kalifornische Küste, wo sie zahlreiche Boote und Anlegestellen zerstörte.

Die Katastrophe löste weltweit große Hilfsbereitschaft aus. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) versprachen Unterstützung. Bundespräsident Christian Wulff äußerte auch im Namen der Deutschen seine "tief empfundene Anteilnahme" und sprach sein Beileid aus.

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