Tankstellen

Industrie stoppt Bio-Sprit wegen Kundenboykott

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Daniel Wetzel

Nach den massiven Absatzproblemen mit dem neuen Biosprit E 10 wird die weitere bundesweite Produktion vorläufig heruntergefahren. Das sagte der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), Klaus Picard, in Berlin.

"Das System platzt sonst", sagte er mit Blick auf Versorgungsengpässe bei anderen Benzinsorten, die wegen des Käuferstreiks bei E 10 bevorzugt werden.

Bisher wurde E 10 bei knapp der Hälfte der bundesweit 15 000 Tankstellen eingeführt - vor allem im Osten und Süden des Landes. Nach den Angaben von Picard solle zunächst abgewartet werden, ob die Verbraucher den Sprit in den kommenden Tagen annehmen. Erst dann solle die Produktion in den Raffinerien wieder anlaufen und E 10 auch in den restlichen Regionen Deutschlands eingeführt werden. Es gebe derzeit massive Versorgungsprobleme bei anderen Spritsorten wie Super Plus. Zudem könnten viele Raffinerien ihre vollen E 10-Tanks nicht leeren.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) kritisierte die Entscheidung der Tankstellenbranche: "Das Durcheinander, das die Mineralölwirtschaft hier veranstaltet, ist nicht akzeptabel." Es führe zu einer vollständigen Verunsicherung der Verbraucher, so Röttgen: "Die Mineralölindustrie sollte sich endlich eine vernünftige Strategie überlegen, statt jeden Tag widersprüchliche und verwirrende Botschaften auszusenden." Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) schaltete sich in das Chaos ein. Er werde zeitnah alle Beteiligten zu einem "Benzin-Gipfel" einladen, sagte Brüderle. "Fakt ist, dass die Verbraucher völlig verunsichert sind."

Mit einem eindringlichen Appell an die Autofahrer hatte die Mineralölwirtschaft zum Umstieg auf den neuen Bio-Supersprit E 10 aufgerufen. Zudem sollen die Informationen an Tankstellen besser werden, damit Fahrer wissen, ob ihre Autos E 10 vertragen. Nach neuen Berechnungen vertragen 93 Prozent der in Deutschland angemeldeten Autos E 10, von den deutschen Fabrikaten sogar 99 Prozent.

Die Mineralölwirtschaft ist in einer Zwickmühle: Sie kann die staatlich vorgegebene Biokraftstoff-Quote nur erfüllen, wenn sie das neue Super E 10 zur neuen Standardsorte an den Tankstellen macht. Deshalb wurden bei rund 45 Prozent aller Stationen beide Haupttanks, die früher Normal und Super enthielten, nun zugleich mit Super E 10 befüllt. Doch dieser Kraftstoff wird kaum nachgefragt: Aus Zweifel an der ökologischen Sinnhaftigkeit von Biosprit und aus Angst vor Motorschäden gibt es unter Autofahrern derzeit einen Run auf die herkömmliche Benzinsorte Super Plus. Diese wird von Tankstellen aber nur in kleinen Tanks vorgehalten. Vielerorts sind die Vorräte an Super Plus bereits erschöpft.

Zuvor hatte die Mineralölwirtschaft zugegeben, das neue Produkt nur auf Druck der Politik eingeführt zu haben. "Unter Marktbedingungen würden wir natürlich einen solchen Kraftstoff wieder zurückziehen. Aber wir haben keinen freien Markt, sondern massiven staatlichen Eingriff", sagte MWV-Chef Klaus Picard. Bleibt E 10 so wie bisher ein Ladenhüter, drohen der Branche Strafzahlungen. "Im Endeffekt ist das Gesetz nicht für uns gemacht, sondern es zwingt den Verbraucher, zehn Prozent Ethanol zu tanken."

Die Branche hat angekündigt, dass die Strafzahlungen von zwei Cent pro Liter für nicht verkauftes E 10 auf den Spritpreis umgelegt werden.