Integrationsdebatte

Wowereit: "Alle Kinder müssen Deutsch lernen"

| Lesedauer: 2 Minuten
Jens Anker

Die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan hat erneut scharfe Kritik ausgelöst. Erdogan hatte am Sonntagabend vor 10 000 Landsleuten in Düsseldorf gefordert, dass türkische Kinder in Deutschland zuerst Türkisch lernen müssten - und dann Deutsch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Politiker aller Parteien kritisierten Erdogan. Dieser legte am Montag allerdings noch einmal nach und bekräftigte seine Positionen.

Merkel teilte über ihren Sprecher Steffen Seibert mit, sie sei der Überzeugung, "dass das Deutschlernen in der Bedeutung dem Türkischlernen zumindest gleichgestellt" werden müsse. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bezeichnete das Erlernen der deutschen Sprache als "Schlüssel zur Integration". "Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zuallererst Deutsch lernen", sagte er. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, unterstrich, "dass in unserem Land die deutsche Sprache Vorrang haben muss". Nur wer gut Deutsch könne, habe die Chance auf Aufstieg. Noch schärfer reagierte die CSU: Generalsekretär Alexander Dobrindt warf Erdogan vor, seine Landsleute in Deutschland "aufzuwiegeln".

Kritik kam auch aus Berlin. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, es gehe nicht um Assimilation, sondern darum, Zuwanderung als Bereicherung zu empfinden. Zugleich mahnte er: "Eine Grundvoraussetzung dafür ist selbstverständlich, dass alle Kinder - egal, woher ihre Eltern stammen - schon vor dem Besuch der Schule Deutsch lernen." Dagegen lobte Wowereit Erdogans Ankündigung, seinen hier lebenden Landsleuten die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft zu erleichtern.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) schloss sich der Kritik an: "Für türkischstämmige Kinder in Deutschland ist in jedem Fall das Beherrschen der deutschen Sprache unverzichtbar." Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast wurde deutlicher: "Ministerpräsident Erdogan hat Tausenden von türkischstämmigen Kindern, deren Bildungserfolg über die deutsche Sprache führt, keinen Gefallen getan", sagte die Spitzenkandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Zweisprachigkeit biete zwar einen unschätzbaren Vorteil. "Wer aber in Berlin lernen und arbeiten will, ist auf gute Deutschkenntnisse angewiesen."

Erdogan unterstrich am Montag in einem RTL-Interview seine Haltung. "Die Menschen aus meinem Land müssen sich in die deutsche Gesellschaft integrieren", sagte er. Türkische Kinder in Deutschland müssten aber die Möglichkeit haben, erst Türkisch zu lernen: "Also, erst die Muttersprache, dann die Zweitsprache, das ist der Weg." Am Abend warb er bei der Eröffnung der Computermesse Cebit in Hannover im Beisein der Kanzlerin dafür, dass Türken ohne Visum nach Deutschland reisen könnten. "Wir lieben Sie", sagte er. Merkel reagierte zurückhaltend.

Die Kinder, die in Deutschland groß werden, müssen zuallererst Deutsch lernen

Guido Westerwelle, Außenminister (FDP)