Karaseks Woche

Diktatur des Wahnsinns

Das Fernsehen brachte es an den Tag: Libyen ist die letzten 40 Jahre von einem Geisteskranken regiert worden. Die Diagnose konnte jeder Laie stellen, sie war offenkundig. Da trat ein Herrscher, ein Diktator, vor die Kameras, einmal kroch er wie ein ängstlich verschrecktes Tier aus einer Höhle, mit gespanntem und vorgehaltenem Regenschirm, sprach wirr, kurz, aggressiv zuckend, schreckhaft in die Enge getrieben.

Das zweite Mal bellte er sein Volk an, drohend, schwenkte nervös und fahrig Papiere, wie ein erdfarbener Derwisch eingehüllt, griff nach dem Wasserglas, das ihm aus dem Off gereicht wurde, und drohte und verfluchte wirr seine Untertanen als Drogensüchtige, Ratten, Verhetzte. Der Schrecken, der von ihm ausging, war der, dass er noch als Schlächter zwischen seinen Untertanen wüten konnte. Niemand konnte ihn bremsen, niemand ihm in den Arm fallen, ihm die Zwangsjacke anlegen. Er stand in einer zerbombten Kulisse. Das dritte Mal spuckte er blutrünstig als heruntergerissener Verteidiger einer mittelalterlichen Festung auf seine Untertanen erneut Flüche herab.

Und mir fiel Hitler im Hof der Reichskanzlei ein, von dem damals nur seiner Umgebung offenbar war, dass der Diktator nicht bei Sinnen war, wahnsinnig war, sein Volk und die Welt, die Juden testamentarisch verfluchte, Geisterarmeen herbeifaselte und Wutanfälle bekam, die mit weinerlichen Szenen endeten.

Und da fiel mir ein, von wie vielen Herrschern ihre Zeitgenossen das Allerschlimmste zu fürchten hatten, weil sie nicht mehr Herr ihrer Sinne waren. Lenin, zum Beispiel, der in den letzten Monaten seiner Herrschaft, von mehreren Schlaganfällen gezeichnet, nur noch mühsam einsilbige Wörter aussprechen konnte und der die Aufgabe, die ihm seine Ärzte gestellt hatten, 12 mit 7 zu multiplizieren, nur durch dreistündige Addition zu lösen vermochte. Sein Nachfolger Stalin, der elend starb, weil er aus krankhaftem Misstrauen eine jüdische Ärzteverschwörung gewittert hatte, nur von Kurpfuschern umgeben war, die ihm Blutegel anlegten. Mao Tse-tung, an ALS erkrankt, war ein ohnmächtiger Spielball der Intrigen seiner Frau. Und Jelzin war so alkoholkrank, dass er gegen Ende seines Lebens nicht wusste, auf welchem Flugplatz er gelandet war.

An die Antike, wo Caligula sein Pferd zum Senator machte und wo Nero Rom anzündete, nur um es zu besingen, muss man gar nicht denken. Oder an Berlusconi und Bunga-Bunga - aber das ist ein anderer Fall.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost