Betreuung

Zu viele Kinder: Notstand in Berliner Kitas

In vielen Bezirken reichen die Kita-Plätze nicht mehr aus. Betroffen sind vor allem die Innenstadtbezirke und die östlichen Bezirke, doch auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Reinickendorf werden die Plätze knapp. Die Gründe dafür sind eigentlich erfreulich. Die Zahl der Kinder unter sechs Jahren steigt in Berlin, und die Eltern wollen früher als bisher wieder in das Berufsleben.

Nach den jüngsten Meldungen des Statistischen Landesamtes gab es Ende 2010 insgesamt 182 972 Kinder unter sechs Jahren, 16 000 mehr als noch vor fünf Jahren.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband, Dachverband der freien Kita-Träger, geht davon aus, dass in Berlin bis zum nächsten Jahr mindestens 15 000 zusätzliche Kita-Plätze gebraucht werden. Dabei ist bereits in den vergangenen vier Jahren die Zahl der Kita-Plätze um 12 000 gestiegen. Ursache für den wachsenden Bedarf ist aber nicht allein der Kinderboom. "Noch stärker macht sich die verkürzte Elternzeit bemerkbar", sagt Martin Hoyer, Kita-Experte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Das Elterngeld wird nur maximal 14 Monate gezahlt, vorher 24 Monate. Die Eltern gehen dadurch früher wieder arbeiten und sind deshalb auch eher auf eine Betreuung für ihre Kinder angewiesen. Gleichzeitig bleiben einige Vorschulkinder länger als geplant in der Kita. "Durch die Lockerung der Rückstellung von der Einschulung ab dem kommenden Schuljahr gehen gleichzeitig weniger Kinder aus der Kita raus", so Hoyer. Zudem setze sich bei den Familien immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Kita nicht nur eine Betreuungs-, sondern auch eine wichtige Bildungseinrichtung ist. Unklar sei noch, ob das dritte beitragsfreie Kita-Jahr, das seit Januar gilt, die Situation noch verschärfe.

Besonders dramatisch ist die Lage in Friedrichshain-Kreuzberg. Mit einem Hilferuf hat sich der Bezirk jetzt an das Land Berlin gewandt. "Der Senat muss den Kita-Notstand mit einem Sofortprogramm bekämpfen", fordert die Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne). Derzeit sind hier 100 Kinder beim Jugendamt registriert, deren Eltern keinen Kita-Platz finden. Nach der jetzigen Planung muss das Betreuungsangebot in den kommenden vier Jahren um 1600 Plätze erweitert werden. Der Bezirk sieht sich damit jedoch überfordert. Es fehlt an Räumen und an Fachpersonal, denn auch bundesweit werden Erzieher händeringend gesucht. Durch die steigenden Immobilienpreise könnten sich die Kita-Träger keine Gebäude für Kitas mehr leisten. "Der Senat hat alle Warnungen vor dem bevorstehenden Kita-Platz-Mangel ignoriert, stattdessen wirbt der Regierende Bürgermeister in einem Brief an die Eltern dafür, die Kinder möglichst früh in einer Kita anzumelden, so als sei es überhaupt kein Problem, einen Platz zu finden", sagt Jugendstadträtin Herrmann.

Auch die Bezirke Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Pankow, Mitte, Treptow-Köpenick und Neukölln melden fehlende Kita-Plätze. Die betroffenen Eltern würden nicht rechtzeitig eine Betreuung finden oder müssten weite Wege in Kauf nehmen. Die Jugendämter bemängeln, dass es keine bezirksübergreifende Übersicht über freie Kita-Plätze gibt.