Schweinegrippe

Berlin: Ansturm auf Gesundheitsämter

Nach dem Tod eines an Schweinegrippe erkrankten Mannes in Berlin hat es gestern einen Ansturm auf die Info-Telefone der zwölf Bezirksämter gegeben. Zeitweise waren die Leitungen dauerbesetzt. Sibyll Klotz (Grüne), Gesundheitsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, berichtete allein für ihren Bezirk von "bis zu 400 Anrufen täglich". "Das Informationsbedürfnis ist groß und schwer zu bewältigen", sagte sie der Berliner Morgenpost.

Dabei zeigen sich auch gravierende Organisationsmängel: Denn von den Ärzten, Behörden und Experten erhalten die Berliner unterschiedliche Antworten. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsämter für die Impfung gesunder Menschen gar nicht zuständig sind. Das übernehmen Kassenärzte, von denen aber erst 100 einen Vertrag haben und ab Montag impfen dürfen. Weitere 300 haben sich beworben, warten aber nach wie vor auf ihre Verträge. Rund 2000 Ärzte würden für eine flächendeckende Versorgung der Hauptstadt gebraucht. Die Liste der ersten 100 Impf-Ärzte soll am Montag im Internet unter www.berlin.de/impfen veröffentlicht werden.

In Berlin könnte deshalb in den nächsten Wochen ein Engpass bei den Impfungen drohen. Denn nach Angaben des Vorsitzenden des Berufsverbandes der Allgemeinärzte in Berlin und Brandenburg, Hans-Peter Hoffert, haben die Arztpraxen noch gar keinen Impfstoff erhalten. Dabei werde es sicherlich "einen Ansturm auf den Impfstoff geben." Durch den ersten Berliner Todesfall sei die Schweinegrippe im Bewusstsein der Menschen angekommen. Hoffert geht dennoch davon aus, dass wie geplant von Montag an die Impfaktion in Praxen vorgenommen werden kann.

Auch Eltern, die ihre Kinder vor dem H1N1-Virus schützen wollen, haben zurzeit keine Chance, da die Verhandlungen zwischen dem Senat und dem Verband der Kinderärzte noch nicht abgeschlossen sind. Den Impfstoff gebe es zurzeit sowieso nicht, heißt es.

Den verunsicherten Berlinern rät Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) zu Geduld: "Aus logistischen Gründen werden die Impfungen ohnehin mehrere Wochen dauern. Der Impfstoff steht nur begrenzt zur Verfügung, wird fortlaufend produziert und an alle Bundesländer gleichmäßig ausgeliefert. Darum gilt: Helfer zuerst, danach die Hilfsbedürftigen, und dann alle anderen."

Die FDP kritisierte gestern den Senat: "Weder die Logistik der H1N1-Impfung noch die Beschaffung des risikoarmen Impfstoffs für Schwangere und Kinder funktionieren in Berlin", sagte der FDP-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Christoph Meyer. "Dabei war mehr als ein halbes Jahr Zeit zur Vorbereitung. Andere Landesregierungen haben diese Zeit genutzt." Senatorin Lompscher hätte schon im Frühjahr die Impfungen organisieren müssen. Meyer weiter: "Lompscher ist mit Ereignissen dieser Größenordnung hoffnungslos überfordert."