Jahrgangsübergreifendes Lernen

Schulen attackieren Zöllners Reform

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Der Streit über das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) in der Schulanfangsphase spitzt sich zu. Viele Grundschulen in sozialen Brennpunkten, aber auch solche in Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg oder Pankow fordern jetzt, Jül bereits vom kommenden Schuljahr an freiwillig zu machen.

Renate Lauzemis, Sprecherin der Initiative Grundschulen im sozialen Brennpunkt, begründet dies damit, dass die Schüler dort nicht in der Lage seien, selbstbestimmt zu lernen. Jül sei für Brennpunktschulen deshalb kein geeignetes Konzept.

Das jahrgangsübergreifende Lernen in der Schulanfangsphase ist Kern der großen umstrittenen Grundschulreform, die mit dem neuen Schulgesetz von 2004 in Gang gebracht wurde. Es beinhaltet, dass Schüler des ersten und zweiten Jahrgangs gemeinsam lernen.

Auch der Bildungsexperte der CDU, Sascha Steuer, setzt sich dafür ein, Jül sofort freiwillig zu machen. "Die zunehmende Zahl von Schülern, die in der Schulanfangsphase verweilen müssen, zeigt, dass Jül nicht funktioniert", so Steuer.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) betont indes, dass Jül erst ab dem Schuljahr 2012/13 unter bestimmten Voraussetzungen ausgesetzt werden kann. "Die Grundschulanmeldungen sind bereits erfolgt. Aus Gründen der Verlässlichkeit gegenüber den Eltern kann das Konzept der Schulanfangsphase deshalb nicht einfach geändert werden", sagte er.

Gegenwärtig haben 35 von insgesamt 365 Grundschulen Jül noch nicht eingerichtet und wollen das auch in Zukunft nicht tun. Weitere Schulen wollen Jül wieder rückgängig machen. Sie berufen sich auf den Vorschlag des Bildungssenators vom November, eine Ausnahmeregelung zuzulassen. Demnach sollen Schulen, die die Schulanfangsphase nicht mit Jül umsetzen wollen, von 2012/13 an ein anderes schlüssiges Konzept zur individuellen Förderung der Kinder vorlegen können.

Doch das dauert den Schulen zu lange. "Wir verstehen nicht, weshalb es nicht schon im kommenden Schuljahr möglich sein soll, in der Schulanfangsphase wieder homogene Klassen einzurichten", sagt Renate Lauzemis. Viele Kinder hätten keine Frühförderung genossen und keine Sprachkompetenz. Sie seien deshalb in jahrgangsgemischten Gruppen überfordert. Hinzu käme die unzureichende personelle Ausstattung vieler Schulen.

Auch viele Eltern wehren sich gegen das jahrgangsübergreifende Lernen. Erst kürzlich hat eine berlinweite Initiative eine entsprechende Petition ins Abgeordnetenhaus eingebracht. Darin fordern die Eltern, die Freiwilligkeit des jahrgangsübergreifenden Lernens im Schulgesetz zu verankern. Die Vorsitzende der Initiative, Jacqueline Lucke, dazu: "Die Schulen sollen selbst entscheiden können, ob sie Jül einführen oder nicht."

Eine stichprobenartige Umfrage dieser Zeitung ergab, dass allein in Friedrichshain-Kreuzberg sechs von 17 befragten Grundschulen das jahrgangsübergreifende Lernen nicht fortsetzen wollen. In Pankow wollen acht von 25 befragten Schulen erneut abstimmen.