Gewalttätige Proteste

Ausländer fliehen aus Ägypten

Die politische Revolte in Ägypten schlägt in Anarchie um. Plünderer, Brandstifter und Räuber zogen am Sonntag durch die Straßen zahlreicher Städte und bedrohten die Bevölkerung. Die Polizei zog sich dagegen völlig zurück. Zahlreiche Ausländer versuchen inzwischen, vor dem Chaos in Kairo zu fliehen.

In den Touristenorten am Roten Meer war die Lage zunächst ruhig, in Scharm al-Scheich postierte die Militärführung allerdings Panzer. Das Auswärtige Amt rät nach langem Zögern inzwischen "von Reisen nach Ägypten aufgrund der instabilen Lage derzeit ab". Eine offizielle Reisewarnung gibt es allerdings nach wie vor nicht.

Bei den Protesten in Kairo trat auch der Hoffnungsträger der Opposition, Mohammed al-Baradei, wieder in Erscheinung. Baradei kam auf den Tahrir-Platz in Kairo, um dort mit den Demonstranten zu sprechen. Dabei ignorierte er die Ausgangssperre und seinen Hausarrest. Erneut waren Zehntausende zusammengekommen, um gegen Präsident Husni Mubarak zu protestieren. "Wir beginnen in Ägypten eine neue Ära", sagte Baradei. Er habe von den politischen Kräften den Auftrag erhalten, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden.

Während die gewalttätigen Proteste abflauten, herrschte in den Straßen Kairos vielerorts Anarchie. Plünderer und Brandstifter versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Unter ihnen sind auch Tausende Häftlinge, die von Bewaffneten aus den Gefängnissen befreit wurden. Selbst Krankenhäuser wurden ausgeraubt. Bisher starben 150 Menschen bei den Unruhen. "Ägypten steht in Flammen. Das Land fällt auseinander. Überall wird geplündert", sagte Baradei dem Fernsehsender CNN. Er forderte erneut den Rücktritt von Mubarak.

Tausende verlassen Kairo

Der Präsident suchte am Sonntag den Schulterschluss mit der Armeeführung. Offenbar liegen die Sympathien der Generäle aber eher bei den Demonstranten als bei dem Machthaber. Soldaten sicherten zwar den Tahrir-Platz, gingen aber nicht gegen die Protestierenden vor. Andere patrouillierten mit den Bürgerwehren durch die Stadtviertel. Kampfflugzeuge und Armee-Hubschrauber flogen als Demonstration der Stärke im Tiefflug über die Hauptstadt hinweg. Unbestätigten Meldungen zufolge soll Mubarak bereits seine Reise ins israelische Exil vorbereiten.

Unter Ausländern wächst inzwischen die Furcht vor dem Chaos. Angesichts der unsicheren Lage versuchten Tausende, Kairo zu verlassen. Am Flughafen herrsche ein "fürchterliches Gedränge", berichteten Augenzeugen. Die US-Botschaft in Kairo forderte alle Amerikaner auf, das Land zu verlassen. Zahlreiche Staaten, darunter die Schweiz und die Niederlande, rieten ihren Bürgern ebenfalls zur Abreise. Dänemark, Norwegen, Schweden, Belgien und Finnland empfahlen, auf alle nicht dringend notwendigen Reisen zu verzichten. Arabische Staaten flogen ihre Landsleute aus.

Auch das Auswärtige Amt riet am Abend, auf Reisen zu verzichten, nachdem am Tag nur empfohlen worden war, sorgfältig zu prüfen, ob man die Reise antreten wolle. Jeder Reisende werde gebeten, sich vor Reiseantritt "gründlich über die Sicherheitslage am konkreten Zielort" zu informieren, hieß es auf der Internetseite. In Kairo machten sich viele Deutsche aus den Außenbezirken auf den Weg in Richtung des Stadtteils Zamalek, der als Insel im Nil liegt und von der Armee besser geschützt werden kann.

In den Feriengebieten am Roten Meer und Süden des Landes ist die Lage dagegen bislang ruhig. Allerdings rückte auch in Scharm al-Scheich die Armee mit Panzern ein, offenbar um die Touristen in den Hotelanlagen zu schützen. Zurzeit sind mehrere Tausend deutsche Urlauber in Hurghada, Scharm al-Scheich, Marsa Alam und Luxor. Die Gäste seien gelassen, die Lage sei ruhig, sagte ein Sprecher der Rewe Touristik laut Mitteilung.

TUI und Thomas Cook bieten gebührenfreie Umbuchungen für Ägypten-Urlauber an: Bei TUI können alle Ägypten-Urlauber mit Anreise bis zum 3. Februar umbuchen, bei Thomas Cook bis zum 2. Februar. TUI-Reisende nach Kairo können zudem kostenlos stornieren. Der Deutsche Reiseverband teilte mit, dass man die deutschen Kunden von Reiseveranstaltern im Ernstfall schnell heimfliegen könne. "Wir haben die Infrastruktur, wir haben die Flugzeuge", sagte Sprecher Torsten Schäfer.