Massenproteste

Ägypten vor der Wende

Die Proteste in Ägypten haben sich am Sonnabend ausgeweitet. Obwohl Präsident Husni Mubarak in einer Ansprache Reformen versprochen hatte und die Regierung auflöste, gingen erneut Zehntausende auf die Straßen. Dabei kam es auch wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Die Armee hat bislang nicht eingegriffen. Ägypten steht damit vor der Wende: Veränderungen sind in jedem Fall nicht mehr aufzuhalten. Wie stark sie ausfallen, hängt davon ab, ob Mubarak zurücktritt - und wie sich das Militär entscheidet.

Zentrum der Demonstrationen war der Tahrir-Platz in Kairo, auf dem sich Fernsehberichten zufolge rund 50 000 Menschen versammelten. Inspiriert vom Sturz des tunesischen Staatschefs, schwenkten sie ägyptische Fahnen und riefen: "Das Volk will den Präsidenten vor Gericht sehen." Soldaten standen am Rande der Kundgebung, auch Panzer fuhren auf. Doch das Militär unternahm zunächst keinen Versuch, die Kundgebung aufzulösen, obwohl es in scharfem Ton vor einer Missachtung der auf 16 Stunden verlängerten Ausgangssperre warnte. Darum kümmerte sich allerdings niemand. Zahlreiche Demonstranten riefen die Soldaten auf, sich auf ihre Seite zu schlagen. Doch bislang hat das Militär, das am Freitagabend von Mubarak zu Hilfe gerufen worden war, keine Partei ergriffen.

Daneben kam es auch wieder zu blutigen Straßenschlachten. Tausende Demonstranten versuchten dem arabischen Fernsehsender al-Dschasira zufolge, das Innenministerium zu stürmen. Die Polizei eröffnete demnach das Feuer auf die Menge, wobei mindestens drei Menschen getötet worden sein sollen. Die Zentrale der ägyptischen Steuerbehörde ging in Flammen auf. Auch in Alexandria setzten die Einsatzkräfte scharfe Munition ein. Insgesamt sind bei den Protesten mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen, andere Quellen sprechen sogar von mehr als 100 Todesopfern und 2000 Verletzten.

Rund um den Präsidentenpalast fuhren Panzer auf. In mehreren Stadtteilen Kairos kam es zu Prügeleien und Plünderungen von Geschäften, Geldautomaten und auch Krankenhäusern. Bewohner Kairos bildeten Bürgerwehren, um sich vor den Banden zu schützen. Randalierer drangen auch in das Ägyptische Museum ein, wo sie zwei Mumien köpften. Die Armee versuchte, das Gebäude zu schützen, das auch durch den Brand der benachbarten Zentrale der Regierungspartei NDP bedroht war. Der Zugang zu den Pyramiden von Gizeh wurde aus Furcht vor Anschlägen gesperrt, auch die Tempel von Karnak im Süden des Landes wurden abgesperrt.

Um die aufgeheizte Stimmung in dem Land zu beruhigen, löste Mubarak am Sonnabend das Kabinett auf und stellte politische und soziale Reformen in Aussicht. Wie den Menschen auf den Straßen reichte dies aber auch dem Oppositionspolitiker Mohammed al-Baradei nicht aus. In einem Fernsehinterview forderte er den Staatschef abermals zum Rücktritt auf. Er ermahnte Mubarak, die Übergabe seiner Macht einzuleiten. Anders sei ein Ende der Proteste nicht möglich, sagte der frühere Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Mubarak ernannte am Nachmittag den bisherigen Geheimdienstchef Omar Suleiman zum Vizepräsidenten und machte damit deutlich, dass er an der Macht bleiben will. Suleiman wurde schon längerer als Nachfolger des 82-jährigen Staatschefs gehandelt. Der General, der in den beiden Nahost-Kriegen 1967 und 1973 gegen Israel gekämpft hat, war bisher Mubaraks Mann für heikle Aufträge. Luftfahrtminister Ahmed Schafik wurde zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. Er soll eine Regierung bilden, so das Staatsfernsehen. Ob das reicht, um den Volkszorn zu beruhigen, war zunächst nicht abzusehen. Den meisten Demonstranten geht es vor allem um den Rücktritt Mubaraks.

Auch in Berlin erklärten am Sonnabend rund 300 Menschen auf dem Breitscheidplatz ihre Solidarität mit den Demonstranten in Ägypten. Die in Deutschland lebenden Ägypter gedachten mit einer Schweigeminute der Opfer der Proteste.