Karaseks Woche

In den Fängen des Rinderwahns

Wie versprochen, hier der Markknochen. Er fiel dem Rinderwahn zum Opfer, nachdem in England bei Rindfleischessern angeblich Fälle des Creutzfeldt-Jakob-Syndroms auftauchten. Nun begann ein Wüten und Hauen und Stechen gegen die Paarhufer, Wiederkäuer und Hornviecher.

Ich selbst hatte das Vergnügen, an einer der Fernsehdebatten bei Sabine Christiansen teilzunehmen, und als ich am nächsten Mittag gedankenverloren im "Borchardt" ein T-Bone-Steak bestellte und das Blut aus dem saftigen Fleisch über meinen Teller floss, guckten mich vom Nebentisch zwei Damen mit einer Mischung aus Ekel und Bewunderung an. So muss ein Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs während der mörderischen Luftschlachten angehimmelt worden sein. Der Zufall wollte es, dass ich die Woche drauf nach Zürich musste, wo es in der "Kronenhalle" an einem bestimmten Wochentag das berühmte Bollito misto vom Wagen gab, also gemischtes Siedfleisch, das sich aus folgenden Bestandteilen zusammensetzt (empfindsame Gemüter bitte weglesen!): Rindsschulter, respektive Tafelspitz, Kalbszunge, Kalbsbacke, gefüllter Schweinsfuß, Zampone genannt, Cotechino-Würste, Markknochen und Poularde. Alles in einer herrlichen Brühe gar geköchelt, wozu dann Meerrettich und grüne Soße gereicht wird, dazu (hier können alle wieder mitlesen!) wunderbare Möhren, Sellerie und anderes Suppengemüse, das der Brühe eine schwach vegetarische Note verleiht.

Ich kam also aus dem Norden, sah mein Lieblingsgericht auf der Speisekarte, und ohne mit der Wimper zu zucken, servierte mir der Ober vom Wagen auch herrliche Markknochen. In einem Lokal, in dem Dürrenmatt, Frisch und Bondy gespeist hatten, und das zu einer Zeit, als aus deutschen Fleischtheken in Kaufhäusern nicht nur das Rindfleisch, sondern vor allem die Knochen und die besonders gefährlichen Markknochen entfernt waren. Ich dachte mit einer gewissen Logik (aber vielleicht war ich, ohne dass ich es wusste, in Wahrheit schon längst vom Rinderwahn befallen): Die Schweizer, vor allem in Zürich und im renommiertesten Lokal der Stadt, die achten doch auf ihre Gesundheit. Hat die Schweiz nicht das Bircher-Müsli erfunden? Und die Toblerone? Na also! Da ich damals öfter nach Zürich musste, habe ich im Unterschied zu meinen Landsleuten im tapferen Selbstversuch als Ich-AG in Serie Markknochen gegessen.

Ich wollte als Totschlagargument gegen den Vegetarismus (letzte Woche angekündigt) Hitler anführen, der Vegetarier war. Aber "Spiegel TV" hat mir das Thema zerstört. Hitler aß auch gefüllte Täubchen und Schweinswürste, neben Apfelstrudel und Graupensuppe. Vegetarier war er nur zeitweise, wegen seiner Blähungen. Seither weiß ich: Auch Fleischesser sind keine besseren Menschen.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost