Gewaltsamer Protest

Aufstand in Ägypten

Die Lage in Ägypten hat sich am Freitag dramatisch zugespitzt. In mehreren Städten lieferten sich Zehntausende Menschen blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Nach den kleineren Kundgebungen der vergangenen Tage hatten die Demonstranten zu einem "Tag des Zorns" gegen die 30-jährige Herrschaft von Präsident Husni Mubarak aufgerufen.

Bei den Protesten sollen mehr als 19 Menschen ums Leben gekommen sein, über tausend wurden verletzt. Demonstranten zündeten Regierungsgebäude, Polizeiwachen und gepanzerte Fahrzeuge an. Die Regierung wehrte sich mit aller Härte gegen die Proteste. Der Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei wurde unter Hausarrest gestellt. Zudem wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Nach Tagen des Schweigens meldete sich dann in der Nacht zu Sonnabend der ägyptische Präsident Husni Mubarak zu Wort. Während Plünderer und Demonstranten, die seinen Rücktritt forderten, noch durch die Straßen der ägyptischen Metropolen zogen, forderte er im staatlichen Fernsehen die Regierung zum Rücktritt auf, erkennbar bemüht, die Lage zu beruhigen: "Wir müssen vorsichtig ein, dass kein Chaos ausbricht, denn dadurch entsteht keine Demokratie", sagt er. Ägypten müsse stabil und sicher sein. Zudem verteidigte er den Einsatz von Sicherheitskräften gegen die Demonstranten. Die Anti-Regierungsproteste seien Teil einer Verschwörung. Mubarak ging aber auch auf die Forderungen seiner Kritiker Er versprach den Ägyptern mehr Demokratie und größere Bemühungen zur Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit. "Wir bewahren, was wir erreicht haben, und wir bauen darauf auf", fügte er hinzu.

Mubaraks Fernsehansprache bildete den Schlusspunkt eines turbulenten Tages in Ägypten. Nach den Freitagsgebeten waren Zehntausende gegen Mubarak auf die straße gegangen. Die Menge skandierte: "Geh, geh, Mubarak, dein Flugzeug wartet auf dich." Schätzungen zufolge nahmen 100 000 Ägypter an den Kundgebungen teil. Die Protestwelle - inspiriert durch den Sturz von Präsident Zine al-Abidine Ben Ali in Tunesien - wird vor allem von jungen Menschen getragen, die über Arbeitslosigkeit, Geldentwertung und Korruption klagen.

In Alexandria ging der Sitz des Gouverneurs in Flammen auf, in Kairo stand die Zentrale der Regierungspartei in Flammen. Die wütende Menge stürmte außerdem Polizeireviere und zündete die Gebäude an. Die Erstürmung des Außenministeriums und des Staatsfernsehens scheiterte dagegen. Über Kairo, Suez und Alexandria standen dichte Rauchwolken.

Die Staatsmacht reagierte mit aller Gewalt: Nachdem Internet- und Mobilfunkverbindungen lahmgelegt worden waren, um so die Koordination der Demonstranten zu unterbinden, rückten die Einsatzkräfte mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserwerfern gegen die Menge vor. Diese warf Steine auf die gepanzerten Fahrzeuge und setzte sie in Brand. In Kairo versuchten Protestierer, die Wagen von einer Brücke in den Nil zu kippen. Ärzten zufolge wurden landesweit mehr als 1000 Menschen verletzt, darunter auch Journalisten. Viele brachen in dem erstickenden Tränengasnebel zusammen. Insgesamt sollen in den vergangenen Tagen bis zu 25 Menschen getötet worden sein.

Die Wasserwerfer machten auch vor dem ehemaligen Leiter der UN-Atombehörde IAEA, Mohammed al-Baradei, nicht halt. Der Friedensnobelpreisträger war am Vorabend nach Ägypten geflogen, um sich den Protesten anzuschließen. Er flüchtete in eine Moschee, die kurz darauf von Hunderten Sondereinsatzkräften der Polizei belagert wurde. Al-Baradei wurde festgesetzt und unter Hausarrest gestellt. Er gilt vielen in der arabischen Welt als Hoffnungsträger und möglicher Nachfolger von Mubarak.