"Gorch Fock"-Affäre

Bundeswehr: Guttenberg greift durch

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) greift durch: Nach der Absetzung des "Gorch Fock"-Kommandanten Norbert Schatz lässt er jetzt in allen Truppenteilen nach weiteren Missständen suchen. In den vergangenen Tagen waren gleich mehrere Affären bekannt geworden, durch die Guttenberg in das Kreuzfeuer der Kritik geraten war - darunter die Meutereivorwürfe auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock", das Öffnen von Feldpostbriefen sowie die dubiosen Umstände, die zum Tod eines Soldaten in Afghanistan führten.

Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) hatte mit seinen Berichten die Missstände öffentlich gemacht. Die Opposition kritisierte Guttenberg erneut scharf für die "Vorverurteilung" des Kapitäns.

"Ich habe den Generalinspekteur beauftragt, eine Überprüfung in allen Teilstreitkräften vorzunehmen, inwieweit es in den letzten Jahren und auch jetzt noch Anhaltspunkte für Rituale gibt, die den Grundsätzen der Bundeswehr widersprechen", sagte Guttenberg der "Bild am Sonntag". Generalinspekteur Volker Wieker solle ihm dann "zeitnah aufzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben müssen". Guttenberg wandte sich zugleich entschieden dagegen, die Bundeswehr unter Generalverdacht zu stellen. Der Minister muss nun offenbar auch den Informationsfluss in seinem Haus neu organisieren. Es dürfe nicht sein, "dass ein Minister, der am Ende des Tages entscheiden muss, eine Vorlage bekommt, auf der 'Eilt sehr', steht und er feststellen muss, dass die einen 35-fachen Gegenzeichnungsamtsgang gezogen hat und einen dreieinhalb Monate später erreicht", beschwerte sich Guttenberg. Dabei handele es sich um kein Einzelbeispiel.

Wieker erklärte am Sonntag zu der Ankündigung Guttenbergs, die Einzelfälle würden nun zum Anlass genommen, "um alle Indikatoren zu erfassen. Sollte sich daraus ein Trend ableiten lassen, haben wir dem mit aller Entschiedenheit zu begegnen." Zu den Entscheidungen Guttenbergs bezüglich der "Gorch Fock" sagte er, die Entbindung des Kommandanten von der Führung des Schiffes sei "weder eine Vorverurteilung noch eine Vorwegnahme von Ermittlungsergebnissen".

Besonders die Vorfälle auf der "Gorch Fock" hatten für Aufsehen gesorgt. Inzwischen melden sich immer mehr Soldaten zu Wort, die die Zustände auf dem Ausbildungsschiff als unhaltbar bezeichnen. Eine Offizieranwärterin, die im November auf dem Segelschulschiff war, als eine 25-Jährige aus der Takelage stürzte und dabei ums Leben kam, sagte: "Da wurde gebrüllt, da wurde gedrillt. Das war systematisches Schleifen wie in einem schlechten Film." Dienstablauf und Zustände an Bord seien "vorsintflutlich". Besonders schwer hätten es Frauen auf dem Schiff, die teilweise sexuell bedrängt würden.

Unterdessen fordert auch der Vater einer Kadettin, die im September 2008 an Bord der "Gorch Fock" verunglückt war, den Fall neu aufzurollen. Er habe gleich nach dem Vorfall den Verdacht gehabt, seine Tochter könnte an Bord sexuell belästigt worden sein, sagte Uwe Böken der "Bild". "Ich halte es durchaus für möglich, dass Jenny bedrängt wurde und bei einer Rangelei über Bord ging. Ein Unfall macht einfach keinen Sinn", so der Vater. Wenn Guttenberg Transparenz wolle, "muss dieser Fall noch einmal untersucht werden". Die damals 18 Jahre alte Offizieranwärterin war während der Seewache unter ungeklärten Umständen über Bord gegangen und konnte später nur noch tot aus der Nordsee geborgen werden. Zuvor hatte sie laut "Bild" eine E-Mail an ihre Mutter geschrieben, in der sie um einen Termin bei ihrem Frauenarzt gebeten hatte.

Kritik an Guttenberg kam erneut von SPD und Grünen: Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold kritisierte den Minister für die "Vorverurteilung" des Kapitäns. Sein Kollege Hans-Peter Bartels sagte der Morgenpost, die Vorfälle auf der "Gorch Fock" seien über zwei Monate nicht aufgeklärt worden. "Was ist denn in der Zwischenzeit passiert?", so Bartels. Omid Nouripour von den Grünen sagte der Morgenpost, der Kapitän der "Gorch Fock" habe offenbar nicht die Möglichkeit gehabt, sich zu äußern. "Das ist extrem unfair."