Karaseks Woche

Das Raubtier in mir

Jetzt stehen wir Fleischfresser wieder am Pranger, seit man Dioxin in Hühnereiern, Hähnchenschnitzeln und Schweinefüßen aufgespürt hat. Jetzt sitzen wir wieder auf der Anklage-, um nicht zu sagen: Schlachtbank, weil wir Raubtiere mit Messer und Gabel sind, die die Profitgier der Massentierhalter und Futtermittelmafia fördern.

Bald werden wir gejagt werden wie aufgescheuchte frei laufende Hühner. Nach den Rauchern geht es uns ans Leben. Die Vegetarier aller Länder vereinen sich gegen uns, manchmal geraten wir sogar ins Pfeil-und-Bogen-Visier der Frutarier, die Erdbeeren nur essen, wenn sie ihnen überreif von den Bäumen ins Maul fallen.

Ich muss ein Geständnis ablegen. Vor Jahrzehnten war ich in der Vorosterzeit in Zürich im Italienerviertel und aß in einem kleinen italienischen Lokal frisches Pyrenäen-Zickleinfleisch. Goldbraun gebraten von einer Wirtin, die eine richtige italienische Mama war. Die armen unschuldigen Tiere mundeten mir vorzüglich. Außen kross und innen zart, schmeckten sie nach Stall und Bergkräutern. Zurückgereist nach Hamburg, hatte ich nur eine Sehnsucht: Zicklein, ohne Rücksicht darauf, dass die zarten Tiere schon in Grimms Märchen ("Der Wolf und die sieben Geißlein") sozusagen den Zusammenhang tierischer Unschuld und wölfischer Raubgier darstellten.

Ich ging also in meine Fleischerei (in Österreich auch martialisch Fleischhauerei), in das vorösterliche Gedränge der Kunden, die schlimmstenfalls Lamm bestellten, und fragte laut: "Haben Sie Zicklein?"

In dem Moment hätte man eine Stecknadel in dem Laden fallen hören können. Alle starrten mich an, als sei ich der gesuchte Täter aus dem vortäglichen "Aktenzeichen XY". Ich besorgte mir das Zicklein vom Münchner Viktualienmarkt und flog es heimlich in den Norden, nach Hamburg. Im Jahr darauf war ich gewitzter. Ich ging in die Fleischerei wie ein heimlicher Drogendealer und fragte hinter vorgehaltener Hand: "Können Sie mir diesmal Zicklein bestellen?" Das Wort "Zicklein" sprach ich so leise wie andere das Wort "Pornoheft". Was soll ich sagen: Meiner Familie schmeckte das "pappige Fett" (Zitat meiner Frau) nicht, und ich blieb auf meinem Braten sitzen.

Nächste Woche möchte ich berichten, wie ich mir während des Rinderwahnsinns Markknochen aus Italien einschmuggelte; dabei möchte ich die Frage stellen, ob Vegetarier wirklich die besseren Menschen sind.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost

Meistgelesene