Kleiderordnung

Krawattenstreit im Bundestag

Krawatten sind schon längst nicht mehr selbstverständlich. Zwar ist der "Langbinder" über seine Vorläufer als Halstuch oder Fliege schon seit dem 1. Jahrhundert etabliert und trat der Legende nach seinen Siegeszug 1663 an, doch heute ist er in vielen Unternehmen keine Pflicht mehr.

Nur bei gesellschaftlichen Anlässen heißt es häufig noch: "Jacket and Tie required".

Ganz anders ist das im Bundestag. Dort gehört der Schlips offenbar zwingend zum guten Ton. Das ging am Donnerstag sogar so weit, dass die Krawattenverweigerer Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) nicht als Schriftführer neben dem Bundestagspräsidenten Platz nehmen durften. Die laut Hunko "völlig absurde" Strafmaßnahme hatte der Schriftführer-Obmann Jens Koeppen (CDU) ausgelöst, der darauf bestanden hatte, in dieser Position sei "eine Krawatte oder dem Entsprechendes" umzulegen. Nur so werde die Würde des Hauses angemessen gewahrt. Kindler hielt dagegen: "Es ist sehr fragwürdig, ob so manche Blümchenkrawatte von Koalitionsabgeordneten die Würde des Hauses hebt." Er verwies zudem auf die Geschäftsordnung, in der nichts vom Krawattenzwang stehe.

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck äußerte in einem Brief an Bundestagspräsident Norbert Lammert sein "Unverständnis" über den Vorgang.

Aus Solidarität erschien ein anderer Schriftführer der Linken, Alexander Süßmair, am Donnerstag ausnahmsweise auch ohne Krawatte - und wurde prompt abgelöst. "Aus dem überflüssigsten Kleidungsstück der Welt hat die Mehrheit des Ältestenrats eine Prinzipienfrage gemacht", empörte sich Linke-Fraktionsgeschäftsführerin Dagmar Enkelmann. Die SPD zeigte dagegen Verständnis für den strengen Dresscode. "Wer im Präsidium sitzt, sollte nicht in Freizeitkleidung erscheinen", meinte Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann.