Lebensmittelaufsicht

Keine schärferen Dioxin-Kontrollen in Berlin

Seit Bekanntwerden des bundesweiten Dioxinskandals zu Beginn des Jahres sind die Lebensmittelkontrollen in Berlin nicht verschärft worden. Im Landeslabor Berlin-Brandenburg, an das die Bezirke ihre Proben schicken, gehen "nicht sehr viel mehr Proben als sonst aus den Bezirken ein", wie dessen Sprecher Dr. Lothar Böhm der Morgenpost erklärte.

Auch die zuständigen Lebensmittelaufsichtsbehörden bestätigen, dass die Kontrolleure nicht mehr Proben einsammeln als vor Bekanntwerden der aktuellen Dioxinfälle - "nämlich auf Basis von Warnhinweisen oder im Rahmen der routinemäßigen Verdachtsuntersuchungen", sagt Dr. Hans-Joachim Bathe-Peters von der Veterinär- und Lebensmittelaufsicht im Bezirk Mitte.

"Das ist aus Verbraucherschutzsicht einigermaßen erstaunlich", kritisiert Martin Hofstetter, Agrarexperte bei Greenpeace. "Ich hätte erwartet, dass die Kontrolldichte angesichts der fortlaufenden Enthüllungen im Zusammenhang mit Dioxin verstärkt würden." Wenn man sich nur auf bereits auffällig gewordene Erzeuger oder Futtermittelhersteller verlasse, dann "erfährt der Verbraucher immer erst hinterher, was er besser nicht hätte essen sollen", so Hofstetter.

Verbraucherschutzsenatorin Katrin Lompscher (Linke) hatte am Dienstag in der RBB-"Abendschau" erklärt, mehr Verbraucherschutz sei nur durch strengere Kontrollen zu erreichen - im Bereich der Vorgaben an Futtermittelhersteller, durch ein Eigenkontrollsystem der Hersteller sowie durch entsprechende amtliche Überwachung. Ihre Sprecherin, Regina Kneiding, relativierte Lompschers Ankündigung gestern jedoch. "Flächendeckende Proben" könne es nicht geben, der zeitliche und finanzielle Aufwand sei zu hoch. So kostet die Dioxinuntersuchung eines Eis laut Landeslabor rund 500 Euro und dauert fünf Tage.

Unterdessen beschloss die Bundesregierung gestern den von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) vorgelegten Aktionsplan. Das Programm sieht schärfere Kontrollen der Futterproduzenten, strikte Vorschriften bei der Futterfett-Produktion und eine Veröffentlichung von Herstellern verseuchter Futtermittel vor. Die Opposition kritisierte die Maßnahmen als unzureichend und geißelte im Bundestag Aigners Krisenmanagement. Die Ministerin verteidigte das Programm. Vor allem die geplante Verbesserung der Kontrollen vor Ort sei elementar. Bei Verstößen gegen die Vorschriften soll es außerdem härtere Strafen geben.

Unklar bleibt, wie solche Verstöße in Zukunft frühzeitig aufgedeckt werden sollen. Eine Umfrage der Morgenpost bei Kantinen, Catering-Unternehmen, Krankenhäusern, Schulen und Kindertagesstätten zeigt: Vom Teller bis zurück zum Erzeuger des Lebensmittels ist es ein langer Weg - und die Kontrolle der Qualität dementsprechend schwierig nachzuvollziehen. So verlassen sich die Anbieter von Lebensmitteln, wie beispielsweise Schulkantinen, lediglich auf die Qualitätskontrollen ihrer Lieferanten. Doch die führen in aller Regel keine eigenen Tests durch, wie das Beispiel des Berliner Marktführers Sodexo, der rund 150 Schulen und Kindertagesstätten mit Menüs versorgt, zeigt. "Wir verlassen uns auf die entsprechenden Unbedenklichkeitserklärungen aller relevanten Lieferanten", sagt Suksa Georg, Sprecherin von Sodexo. Dessen größter Warenzulieferer GV-Partner wiederum führt "regelmäßig eigene Stichproben durch" und baut auf die zugesicherten Qualitätsstandards seiner Erzeuger.