"alternativlos"

Richtiges Wort, falsche Wahl

"Erika, du packst jetzt deine Sachen. Meine Entscheidung ist alternativlos." Das sind so Sätze, die man viel zu selten hört. Stattdessen wird nachverhandelt, noch einmal überlegt, eine Trennung auf Zeit vereinbart, man wird rückfällig - bis der Freundeskreis dem Drama weder beiwohnen noch von ihm hören will.

In Zeiten, in denen jeder seine Identität und seine Position neu verhandeln kann und nichts als abgeschlossen gilt ("vielleicht gehe ich ja nach Italien", "irgendwie möchte ich mein Leben ändern", "ich glaube, ich mache mal was mit Medien"), muss es entlastend sein, einfach zu sagen: "So, das ist es jetzt. So bleibt es jetzt auch."

"Alternativlos" ist eine schöne Wahl der Jury der Sprachforscher. Nur leider war es für die sechs Juroren das "Unwort des Jahres". Sie hätten es zum "Wort des Jahres" wählen müssen anstatt des lahmen Begriffs "Wutbürger", der dauerentrüstete Spießer sprachlich aufrüstet.

Hingegen hat "alternativlos" eine feine Ironie. Populär wurde der Begriff durch Angela Merkel, die das Rettungspaket für Griechenland als alternativlos bezeichnet hatte. Das war natürlich ein Propagandatrick, denn man hätte den Banken schon klarmachen können, dass sie sich um die Eintreibung ihrer Schulden gefälligst selber zu kümmern haben.

Merkels Sprachkonstrukt hatte aber Stil und passte ausgezeichnet zu ihr. Während einst Gerhard Schröder hemdsärmlig "Basta" brüllte, unterstreicht "Alternativlosigkeit" ihr kühles Sprachverständnis. Schon ihre Interviews sind Kunstwerke, die aufzeigen, mit wie vielen Worten so wenig gesagt werden kann. Und mit "alternativlos" ist der Kanzlerin ein persönliches Meisterstück geglückt: Denn selbst wenn sie sich ausnahmsweise zu einer Sache bekennt, klingt es so harmlos und unbedeutend wie der Unterabsatz eines Verwaltungshandbuches.