Fußball

Staatsaffäre im Umkleidebereich

Nun dürfte wohl klar sein, wer die Macht im Lande hat: König Fußball natürlich. Anders kann man das Staatsaffärchen kaum interpretieren, das der Kabinenbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Christian Wulff (nebst Tochter!) nach dem Länderspiel der Deutschen gegen die Türkei (3:0) ausgelöst hat.

Da war also die hohe Politik euphorisiert vom Siege die Treppen des Berliner Olympiastadions hinab zu den schweißtriefenden Kickern gestürmt und hatte sich von einem Fotografen des Bundespresseamtes auch noch ablichten lassen. Das Foto mit Merkel und einem halb nackten Özil landete in den Medien. Spätestens da empfand Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, den Kabinensturm als Einmischung in innere Angelegenheiten. Immerhin wusste er von Merkels Sturmlauf nichts, war also auch nicht zugegen, als die Kamera klickte und exakt zwei Fotos entstanden. Die Politik würde den Sport instrumentalisieren, klagte er intern. Nur leider nicht so intern, dass das Klagelied nicht bis ins Kanzleramt vordrang. Um den Ball flach zu halten, leistete also die Politik Abbitte beim Fußball. Bei König Fußball. Merkel versprach Zwanziger, künftig nur noch angemeldet im Heiligtum des DFB, der Ruhezone des Fußballsports, zu erscheinen.

Also alles nicht schlimm, hätte die Geschichte nicht den Weg in die "Sport Bild" gefunden. Und so sahen sich gestern nun alle Beteiligten - bis auf Özil und Co. - zu Kommentaren gezwungen. Was die Geschichte nur noch mehr zur Schmonzette macht. Zwanziger ließ verlauten, alles sei wieder gut, "alle Irritationen sind ausgeräumt, die Wogen sind geglättet". Frau Merkel selbst schwieg, ihr Regierungssprecher Steffen Seibert nicht: "Sie haben ein gutes Gespräch geführt und die Dinge geklärt, die zu klären waren, aber eine Entschuldigung gab es nicht!" Nun war also DFB-Teammanager Oliver Bierhoff gefragt, den Befreiungsschlag zu liefern. "Während des Spiels hat mich Frau Merkel auf den Kabinenbesuch angesprochen. Ich bin davon ausgegangen, dass sie wie bei anderen Gelegenheiten auch vom DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und vom Liga-Präsidenten Reinhard Rauball in die Kabine begleitet wird", sagte Bierhoff. Spätestens hier drängt sich der Verdacht auf, dass beim DFB auf den blinden Pass gesetzt wurde. Alle wissen Bescheid, und keiner weiß etwas. So stand Frau Merkel unten in der Kabine und die DFB-Bosse nichtsahnend oben im VIP-Raum.

Aber alles wird wieder gut, bestimmt. Heute, wenn es um Zwanzigers Wiederwahl zum DFB-Präsidenten geht, wird wer wohl Ehrengast sein? Genau: die Kanzlerin! Vielleicht gibt es Fotos.