Umsturz in Tunesien

Touristen fliehen aus Tunesien

Dramatische Entwicklung in Tunesien: Nach wochenlangen blutigen Unruhen, bei denen bis zu 70 Menschen ums Leben gekommen sind, hat der umstrittene Präsident Zine al-Abidine Ben Ali das Land verlassen. Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi übernahm die Regierungsgeschäfte.

Das tunesische Militär besetzte den Flughafen der Hauptstadt Tunis und sperrte den Luftraum. Deutsche Reiseveranstalter bemühten sich, Tausende Urlauber so schnell wie möglich auszufliegen, was aber zunächst nur teilweise gelang.

Zuvor hatte sich die Lage am Nachmittag gefährlich zugespitzt. Nachdem sich in Tunis erneut 10 000 Menschen Straßenschlachten mit der Polizei geliefert hatten, verhängte Ben Ali den Ausnahmezustand und versprach Neuwahlen. Am Abend verkündete schließlich Ministerpräsident Ghannouchi, er habe Ben Ali übergangsweise abgelöst.

Für Tausende Touristen begann in dem Urlaubsparadies am Mittelmeer damit eine bange Wartezeit. Die Hotels waren bislang von den gewalttätigen Protesten verschont geblieben. Dennoch beschlossen erst Thomas Cook und am Abend auch Tui, die Urlauber so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Durch den gesperrten Luftraum und die Ausgangssperre erwies sich das jedoch als schwierig. Sonderflüge sollten die rund 2000 Gäste von Thomas Cook ausfliegen. Die beiden Maschinen der Condor, die nach Berlin-Schönefeld und Frankfurt/Main fliegen sollten, mussten aber vorerst am Boden bleiben, teilte das Unternehmen mit. Zwei weitere Maschinen der Germania konnten dagegen Monastir verlassen und landeten am Abend in Berlin-Tegel. Auch eine Fly-Niki-Maschine nach Wien und eine Air-Berlin-Maschine nach Düsseldorf erreichten ihr Ziel. Insgesamt 230 Urlauber sind damit wieder in der Heimat. Laut dem Deutschen Reiseverband halten sich derzeit 6000 bis 8000 Gäste deutscher Reiseveranstalter in Tunesien auf. Die Unternehmen strichen bis einschließlich Montag sämtliche Flüge nach Tunesien.

Die meisten Urlauber, die am Abend in Tegel landeten, reagierten erleichtert. Ilse Gwiaswa aus Detmold sagte der Berliner Morgenpost: "Ich bin froh, wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben." Auch Günther und Theresia Kostka aus Neukölln sagten, sie seien erleichtert. Es sei jede Menge Polizei unterwegs gewesen. Abends habe niemand mehr das Hotel verlassen dürfen. Für Sabine Lehmann aus Hohenschönhausen platzte sogar der ganze Urlaub. Sie war erst eine Woche in Tunesien. Die 67-Jährige wollte eigentlich zwölf Wochen am Mittelmeer verbringen.

Ben Ali hatte den Staat 23 Jahre lang autoritär regiert. Opposition und freie Meinungsäußerung gab es in dem auch bei Deutschen beliebten Urlaubsparadies am Mittelmeer nicht. Doch schließlich wurde der Druck zu groß. Am Donnerstag, nachdem die Proteste zunehmend außer Kontrolle geraten waren, hatte Ben Ali in einer Rede erste Zugeständnisse gemacht. "Ich habe euch verstanden", sagte er an die Adresse seiner Kritiker. Der Staatschef versprach Preissenkungen für Brot und Milch, die Gewährleistung der Pressefreiheit und ein Ende der Zensur im Internet. Bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2014 werde er nicht mehr antreten, versprach er. Am Freitag beschloss er zudem die Auflösung seiner Regierung und kündigte vorgezogene Parlamentswahlen in sechs Monaten an.

Dennoch eskalierte die Lage in Tunis am Freitagnachmittag erneut. Rund 10 000 Menschen aller sozialen Schichten zogen zum Innenministerium und forderten den Rücktritt Ben Alis. Kurz darauf kam es zu Straßenschlachten, Panzer fuhren auf, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Schließlich verkündete Ministerpräsident Ghannouchi im Staatsfernsehen, die Machtübernahme. Da hatte der Präsident Tunesien offenbar bereits verlassen, zunächst mit unbekanntem Ziel. Experten vermuteten, dass Ben Ali nach Paris ins Exil gehen werde. Die Zeitung "Le Monde" berichtete, dass die französische Regierung Ben Ali allerdings die Landung verweigert habe. In Tunesien beruhigte sich die Lage am Abend zunächst - was aber auch an der Ausgangssperre liegen könnte.