Ermittlungen

Todesflug entzweit Moskau und Warschau

Kein Frieden um Katyn. 70 Jahre nach dem Massaker der Sowjetarmee an über 20 000 Polen steht der Name des Tatorts erneut für eine nicht enden wollende Belastung des polnisch-russischen Verhältnisses.

Als sich am 10. April vergangenen Jahres die Regierungen der beiden Länder über den Gräbern der im Jahre 1940 Gemordeten die Hände reichen wollten, stürzte die Präsidentenmaschine der Delegation aus Warschau ab. Alle 96 Insassen der Tupolew TU-154, darunter Staatspräsident Lech Kaczynski und führende Vertreter des Landes kamen dabei um. Nach gegenseitigen Anschuldigungen über die Verantwortung für das Unglück sorgt nun der Abschlussbericht der russischen Luftsicherheit für neuen Streit.

Denn die russischen Ermittler geben ranghohen Vertretern an Bord eine Mitschuld an der Tragödie. Der offenbar angetrunkene Luftwaffenchef und der Protokollchef hätten Druck auf die Besatzung ausgeübt, um trotz schlechten Wetters eine Landung zu erzwingen, sagte die russische Luftfahrt-Expertin Tatjana Anodina.

Prompt kam aus Warschau scharfe Kritik. Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw sagte, der Bericht bedeute "eine Verhöhnung Polens". Die Schuld am Absturz werde "einseitig" und "ohne Beweise" Polen und den Piloten zugewiesen. "Das ist die Folge davon, dass die Untersuchung den Russen überlassen wurde", sagte der konservative Oppositionsführer.

Eher um Ausgleich bemüht, äußerte sich der polnische Innenminister Jerzy Miller. Er sieht die Verantwortung für den Absturz zwar auch bei Russland, räumte aber ein: "Auf eine sichere Durchführung dieses Flugs waren beide Seiten nicht gut vorbereitet." Polens Ministerpräsident Donald Tusk brach nach der Veröffentlichung des Berichts seinen Urlaub ab. Der Abschlussbericht scheint nicht geeignet, einen Schlussstrich unter die russisch-polnischen Zerwürfnisse zu ziehen.