Krise

S-Bahn kapituliert vor den Problemen

Die Nutzer der Berliner S-Bahn müssen sich wohl noch viele Monate mit Zugausfällen und Verspätungen abfinden.

Zwar hat sich der Bahn-Konzern in einem von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) ultimativ eingeforderten Krisenkonzept dazu bekannt, finanziell und personell alles zu unternehmen, um die zahlreichen Mängel bei der S-Bahn zu beheben. Doch eine schnelle Lösung der Probleme sei nicht in Sicht, sagte Junge-Reyer nach einem Telefonat mit Bahn-Chef Rüdiger Grube am Donnerstag.

In dem nun vorgelegten neunseitigen Krisenkonzept listen die Bahn-Manager zahlreiche sich überlappende Schwierigkeiten auf, die zum Ausfall von Hunderten S-Bahn-Zügen geführt haben. Die Probleme reichen demnach von inzwischen mehr als 1200 Antriebsstörungen über Hunderte Motorausfälle bis hin zu frostanfälligen Sandbehältern an den Bremsen. Hinzu kämen die bekannten Probleme mit Rädern und Achsen, die eine große Anzahl von Sicherheitskontrollen zur Folge hätten. Die Bahn verweist auf bereits laufende Programme etwa zum Austausch der bruchgefährdeten Radscheiben an S-Bahn-Wagen - ohne jedoch Fristen zur Bewältigung der Probleme zu nennen. Kritiker sehen das als Kapitulation.

"Die Antwort der Bahn kann niemanden befriedigen", sagte auch Junge-Reyer am Donnerstag. Zugleich wies die SPD-Politikerin Forderungen aus dem Bundesverkehrsministerium zurück, nach denen sich das Land Berlin an den milliardenschweren Investitionen zur Sanierung der S-Bahn beteiligen soll. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Klaus-Dieter Scheurle, hatte am Vortag deutlich gemacht, dass mittelfristig nur mit neuen, winterfesten Zügen die Probleme der Berliner S-Bahn dauerhaft gelöst werden könnten. Geld vom Bund werde es dafür aber nicht geben, stellte Scheurle am Donnerstag klar. Zugleich bot er an, innerhalb der nächsten zehn Tage gemeinsam mit Vertretern der Landesregierungen von Berlin und Brandenburg und der Bahn über die Anschaffung moderner Züge zu sprechen.

Junge-Reyer sieht indes in erster Linie die Deutsche Bahn in der Verantwortung. Der bundeseigene Konzern habe jahrelang Gewinn aus der S-Bahn gezogen und müsse jetzt auch in der Lage sein, Geld für deren Sanierung aufzubringen.

Die Senatorin forderte die Bahn zudem auf, die Fahrgäste für das Winterchaos angemessen zu entschädigen. Schließlich kündigte die Senatorin eine neue Millionenstrafe an. Demnach wird der Senat im Januar wegen nicht erbrachter Verkehrsleistungen voraussichtlich zwischen zwölf und 14 Millionen Euro einbehalten - das sind zwei Drittel der vereinbarten Monatsrate von 19,5 Millionen Euro, die dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn laut Verkehrsvertrag zustehen. Erst vor gut drei Wochen hatten die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg die pannenreiche S-Bahn wegen Nichterfüllung des Vertrages formell abgemahnt.

Auch bundesweit wächst der Druck auf die Deutsche Bahn. Angesichts immer neuer Probleme wollen die Länderverkehrsminister Bahn-Vorstandschef Grube und seine Spitzenmanager unter Aufsicht stellen: Sie sollen sich demnach ihr Krisenmanagement künftig von der Politik absegnen lassen müssen. Der Vorstoß kommt aus Sachsen, ist aber mit mehreren anderen Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt und Thüringen, abgestimmt. Sie werden in der außerordentlichen Verkehrsministerkonferenz am Montag in Potsdam fordern, dass die Bahn "zur Gewährleistung des zukünftig uneingeschränkten und sicheren Betriebes bei witterungsbedingten Erschwernissen einen Maßnahmeplan für die Winterperiode 2011/2012 aufstellt". Dieser sei "der Verkehrsministerkonferenz im Herbst vorzulegen", damit diese ihn bestätigen kann. "Die Deutsche Bahn muss dafür sorgen, dass es ab sofort nicht mehr zu derartig starken Einschränkungen im Bahnbetrieb kommt. Und damit ist nicht nur die jetzige Winterperiode gemeint, sondern 365 Tage im Jahr", sagt Sachsens Verkehrsminister Sven Morlok (FDP).