Ein Urwald mitten in der Hauptstadt

Orte zwischen Bahngleisen haben gemeinhin wenig Charme: zu lieblos, zu verkommen, zu laut sind sie - keine Gegend, wo man sich gern aufhält.

Orte zwischen Bahngleisen haben gemeinhin wenig Charme: zu lieblos, zu verkommen, zu laut sind sie - keine Gegend, wo man sich gern aufhält. Es sei denn, man entdeckt das Schöneberger Südgelände. Das erstreckt sich zwischen Priesterweg und Südkreuz und ist so reizvoll, daß man sich für einen Besuch Zeit lassen sollte.

Der S-Bahnhof Priesterweg dient als Pforte in eine andere Welt. Zwischen zerfallenden Schienen und verrottenden Schwellen hat sich die Natur in wenigen Jahrzehnten viel Terrain zurückerobert. Da wuchert ein Urwald über Ruinen - Birken und Robinien haben den Kampf gegen die rostigen Relikte der Eisenbahnvergangenheit gewonnen. Eine alte Lok erinnert wie das historische Drehkreuz an die einstigen Zeiten. Gleise, mit festem Sand verfüllt, dienen als Wege, zwischendrin wird der Besucher über Brücken geführt, kann ein Stahldreieck überwinden oder ein Baumhaus besteigen. Und überall wuchert Grün. Allein 366 Farn- und Blütenpflanzen-, 95 Bienen- und 28 Brutvogelarten haben das Südgelände zur Heimat erkoren - viele sind auf der Roten Liste der gefährdeten Arten zu finden. Kein Wunder also, daß das Kleinod heute ein Naturpark ist, dessen Wege der Gast nicht verlassen sollte.

Wir spazieren vorbei am 1920 erbauten Wasserturm oder nehmen den schattigen Tälchenweg - bis am Parkende links eine Treppe erscheint. Dort überqueren wir die S-Bahnlinie und wandern vorbei am bleistiftschmalen Hans-Baluschek-Park durch eine Kleingartenkolonie. Nach einer Weile erreichen wir den Vorarlberger Damm, wo wir uns links halten.

Über die Rembrandtstraße wandern wir zum S-Bahnhof Friedenau. Unter Autobahn und S-Bahnlinie hindurch geht es über die Baumeisterstraße zu einem weiteren Kleinod: den Ceciliengärten. Hinter einem Torbogen verbirgt sich eine Gartenstadt im englischen Stil, die 1927 fertiggestellt wurde. Die Bauherren unter dem Schöneberger Stadtbaurat Heinrich Lassen planten mit viel Sinn für Details und markante Besonderheiten. Zwischen den Häusern entstand ein großer Platz mit einem Brunnen samt Fontäne, hohen Bäumen und Rosenrabatten. Bewacht wird das Areal von zwei Skulpturen Georg Kolbes: dem "Morgen" und dem "Abend". Kurz vor dem Spielplatz hockt ein bronzener Fuchs auf einem Brunnen.

Wir umrunden die Anlage und kehren zurück zum S-Bahnhof. Wer mag, nimmt die Bahn und fährt bis zur Feuerbachstraße, wer noch gut zu Fuß ist, spaziert über Hedwig- und Fregestraße zum Breslauer Platz, wo das 1916 im Jugendstil erbaute Rathaus Friedenau thront.

Über die Dickhardtstraße geht es weiter, durch eine Tordurchfahrt erreichen wir hinter der Saarstraße die Holsteinische Straße, biegen links auf die Peschkestraße und gehen zum S-Bahnhof Feuerbachstraße. Richard Brademann entwarf den runden Bau aus rotem Klinker, der am 15. Mai 1933 in Betrieb genommen wurde.

Über Feuerbach- und Lauenburger Straße geht es zum nagelneu gestalteten Lauenburger Platz und danach über Horst-Kohl-, Altmark- und Kniephofstraße in die Göttinger Straße, wo wir rechts abbiegen und auf die Bergstraße wandern. Wer mag, macht noch einen Abstecher zum Friedhof Bergstraße mit seinem markanten roten Wasserturm. Anschließend geht es auf den Prellerweg und zum letzten Ziel: dem Insulaner. 78 Meter hoch ist der Berg, der aus Kriegstrümmern entstand. Oben thront die Wilhelm-Foerster-Sternwarte, am Fuße des Berges findet sich das Planetarium am Insulaner. Hauptattraktion im Sommer ist allerdings das Freibad (Munsterdamm 80, geöffnet 7-20 Uhr).

Über den Prellerweg spazieren wir zurück zum S-Bahnhof Priesterweg - und haben jede Menge Entdeckungen gemacht.