Historische Wege in Rixdorf

Wer das Böhmische Dorf im Herzen Neuköllns entdecken möchte, sollte auf die Straßenlaternen achten: Wenn auf der Richardstraße Peitschenmasten in Gaslaternen übergehen, hat man das historische Areal erreicht - und damit ein ebenso idyllisches wie merkwürdiges Plätzchen in Berlin. Der Spaziergang durch Alt-Rixdorf beginnt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße (südlicher Ausgang) und führt durch den Herrnhuter Weg zur Richardstraße. Um den historischen Grundtakt dieses Ortes kennenzulernen, sollte man die Richardstraße nach links überqueren. Dort steht der Betsaal der evangelisch-(böhmisch) reformierten Bethlehemsgemeinde aus dem Jahre 1835. Hinter dem Gebäude ist im Hof ein Wandbild zu entdecken, das zeigt, was das Besondere des Böhmischen Dorfes ausmacht: Der Weggang der Glaubensflüchtlinge aus ihrer Heimat in Böhmen, die Ankunft im Rixdorf des Jahres 1737 und ihre Traditionen, die auch heute noch den Zusammenhalt der Nachkommen prägen. König Friedrich Wilhelm I. hatte die Böhmen einst nach Preußen geholt und für sie Kolonistenhöfe in "Böhmisch-Rixdorf" bauen lassen.

Mit diesen Bildern im Kopf kann eine Zeitreise gestartet werden, die die Richardstraße entlang in Richtung Richardplatz führt. Und man entdeckt, daß es tatsächlich "dörflich" wird. Immer wieder finden sich kleine Häuschen und Gehöfte, wenn auch vieles Ursprüngliche untergegangen ist. Doch viele der Höfe sind noch so, wie sie 1849 wiederhergestellt wurden. Denn am 28. April 1849 hatte ein Feuersturm fast das gesamte Dorf in Schutt und Asche gelegt. Die Häuser wurden verändert wieder aufgebaut, nur das Gebäude Richardstraße 80/81 dokumentiert noch die Architektur der Gründerphase. Viele Häuser haben hier grüne Fensterläden und grüne Gartenzäune, die gepflasterten Innenhöfe sind blühende Gärten mit hohen Bäumen. Es ist ein Idyll, das man in Süddeutschland oder Italien vermuten würde, nur nicht m Problembezirk Neukölln Nord. Es ist ein verzauberter Ort, der aber auch durch Zaun, Tür und Tor geschützt ist. Man sollte darum einen Spaziergang mit einer Führung durch das Böhmische Dorf verbinden, um einen Blick ins sonst sorgsam versperrte "Dorfinnere" werfen zu können.

An der Ecke Richardstraße und Kirchgasse steht ein Findling, der an Johann Amos Comenius (1592-1670) erinnert, den letzten Bischof der alten Bruder-Unität und geistigen Weggefährten der Einwanderer. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wurde ein sehenswerter "Comenius-Garten" gepflanzt, in dem die Philosophie des Kosmopoliten in einer Gartenanlage umgesetzt ist. In der Kirchgasse steht der Soldatenkönig: Freundlich, mit offenen Armen. Dieses Denkmal haben die drei böhmischen Gemeinden in Rixdorf 1912 aus Dankbarkeit für die Aufnahme der Ahnen gestiftet. Daneben steht das alte Schul- und Anstaltshaus aus dem Jahre 1753. Im Giebel der Kelch, Symbol der Brüdergemeine und deshalb auch im Neuköllner Wappen geführt. Die Kirchgasse macht hier einen Knick und führt hinter den Scheunen entlang. Rechts stehen "Büdner"-Häuser, alles wirkt ländlich - vor allem, wenn der Dorfhahn kräht. Mittendrin rechts der Betsaal der Brüdergemeine, eine Betonkonstruktion, denn der historische Betsaal wurde 1944 durch Bomben zerstört. Am Ende der Gasse biegt man rechts in den Gerlachsheimer Weg, dann wieder rechts in die Donaustraße und wieder rechts in den Wanzlik-Pfad, der zwischen Holzzäunen durch die Gärten wieder zur Kirchgasse führt. Links vom Denkmal führt im Hintergrund ein Tor durch eine Backsteinwand - die "Sektorengrenze" zwischen Deutsch- und Böhmisch-Rixdorf. Durch einen Garten geht der Pfad links, dann rechts und mündet an einem kleinen Platz mit alten, jetzt modernisierten Remisen und Ställen. Das Tor führt zum Richardplatz, genau gegenüber der historischen Schmiede auf dem Dorfanger des alten "Richardsdorp". Neben den vielen Stadtvillen der Millionenbauern, die ihren Reichtum einst durch Verkauf ihrer Ländereien als Bauland gewonnen hatten, ist die mittelalterliche kleine Rixdorfer Dorfkirche, die heutige böhmisch-lutherische Bethlehems-Kirche, Schmuckstück des Platzes. Beim "Rixdorfer Weihnachtsmarkt" ist der Platz Kulisse des wohl schönsten Weihnachtsmarktes Berlins. Wenn man an der Kirchenseite den Richardplatz hinaufgeht, biegt am Ende des Platzes die Kirchhofstraße links ab. Ein Stück weiter liegt dort rechts der "Böhmische Gottesacker", der Friedhof der Böhmen mit interessanten uralten Grabsteinen mit tschechischen Inschriften - aber meist ist er verschlossen. Wenige Schritte weiter pulsiert die Karl-Marx-Straße. Rechts um die Ecke und immer geradeaus führt der Weg wieder zum U-Bahnhof.