Bürgerstolz und Sinn für die Kunst

Babelsberg hat viele Gesichter. Romantische Weberhäuschen und Straßennamen wie Tuchmacher-, Garn- und Spindelstraße erinnern an die einstige Weberkolonie Nowawes, die Friedrich der Große ab 1750 anlegen ließ.

Babelsberg hat viele Gesichter. Romantische Weberhäuschen und Straßennamen wie Tuchmacher-, Garn- und Spindelstraße erinnern an die einstige Weberkolonie Nowawes, die Friedrich der Große ab 1750 anlegen ließ. Unser Weg führt vom hinteren Ausgang des S-Bahnhofes am Thalia-Kino und dem legendären Lindencafe vorbei, linkerhand in die Bendastraße. Der Königliche Kammermusiker Franz Benda gilt als bedeutender Komponist und Violinist, von ihm stammen mindestens zehn Sinfonien, 20 Konzerte und 140 Sonaten. Über die Wichgrafstraße kommen wir zum Plantagenplatz. Dort im "Nudeltopper" kehrt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck gern zum Bier ein, nicht nur wenn sein Fußballverein Babelsberg 03 gewonnen hat. Neben dem legendären Nudeltopf (3,50 Euro) gibt es auch Bauernfrühstück und Eisbein.

Entlang der Karl-Gruhl-Straße treffen wir pittoreske, teilweise schmuck herausgeputzte Weberhäuser und kommen am urigen Sportrestaurant Hiemke vorbei zum Weberplatz. Hier siedelten sich böhmische Protestanten an, denen Religions- und Steuerfreiheit zugesichert wurden. Mittelpunkt der Siedlung ist der Weberplatz mit der Friedrichskirche. Das Gotteshaus wurde 1752/53 nach Plänen von Johann Boumann, dem Erbauer des Holländischen Viertels, errichtet. 900 Personen passen in die Kirche mit dem achteckigen Grundriss. Die Orgel stammt von der Potsdamer Orgelbauwerkstatt Schuke. Originell sind die Beleuchtungskörper, sogenannte Blaker, die aus den Mützenblechen der königlichen Leibgarde Friedrich II. hergestellt wurden. Neben dem Eingang erinnert seit 1995 das von dem mährischen Künstler Igor Kitzberger geschaffene Denkmal an den böhmischen Reformator Johann Amos Comenius, der als Bischof den böhmischen Protestanten ein geistlicher Führer war. Am 2. und 3. Dezember lädt hier der stimmungsvolle Böhmische Weihnachtsmarkt zum Besuch ein.

Wer mehr über das Viertel erfahren will, dem sei die Nowaweser Weberstube in der Karl-Liebknecht-Straße 23 empfohlen, die Dokumente zu Arbeit und Leben der Weber und zur Entwicklung des gesamten Stadtteils bis 1930 zeigt. Der Name "Nowaves" bedeutet übrigens soviel wie "Neues Dorf". Typisch für das Viertel waren die fünfachsigen, eingeschossigen Fachwerkhäuser, von denen sich heute noch knapp 100 im Gebiet befinden. Ein verknorpelter Maulbeerbaum vor dem Schulhaus erinnert an die Maulbeerplantagen des unter Denkmalschutz stehenden Platzes.

Von der Karl-Liebknecht-Straße führt der Weg durch die Garnstrasse, am Oberlinhaus vorbei nach Alt Nowawes. Im Eckhaus Alt Nowawes 41, einer ehemaligen Gaststätte, gibt es im "Küchencult" einen leckreren Milchkaffee. Im einstigen Tanzsaal hat der Holzrestaurator Kurt Kallensee seine Werkstatt. Am Oberlinhaus gehen wir dann die Rudolf-Breitscheid-Straße entlang bis zum Rathaus. Es wurde 1901 von Otto Kervin gebaut und erinnert daran, dass Babelsberg erst 1939 nach Potsdam eingemeindet wurde. Am S-Bahnhof vorbei führt der Weg weiter zum Neuendorfer Anger.

Bis heute hat sich die Struktur des mittelalterlichen Runddorfes erhalten. Nach Plänen von Ludwig Ferdinand Hesse entstand hier 1853 der gelbe Backsteinbau mit der prägnanten achteckigen Form. Zu DDR-Zeiten verkam die Kirche zur Ruine. Der Wiederaufbau der Kirche in den letzten Jahren wird auch als das "Wunder von Babelsberg" bezeichnet. Erst vor wenigen Tagen ging die Erdwärmeheizung in Betrieb. Zum Schluss unseres Spaziergangs kehren wir in der Szenekneipe Gleis 6 im S-Bahnhof ein. Das Interieur ist bahntypisch gehalten, aber sehr gemütlich. Zu Essen gibt es Suppen, Baguettes oder Salate, aber auch die Aufläufe sind empfehlenswert.