Geschichtsstunde auf dem Ring

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Anja Dannenberg

"Am Blick können Sie mit wenigen Ausnahmen sofort den Ossi vom Wessi unterscheiden." "Das Schlimmste am Osten ist diese Langsamkeit." "Die Wessis sind furchtbar interessiert. Und im nächsten Moment haben sie schon wieder alles vergessen. Oberflächlich nennt man das." Auszüge aus "Dreimal Deutschland", einem Hörspiel von Uwe Mengel. Zum zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung sprach Mengel mit Deutschen über Deutsche - zu hören nun bei einer Fahrt mit der Panorama-S-Bahn auf der seit Juni 2002 wieder kompletten Ringstrecke. Mit 30 Stundenkilometern zuckelt die Bahn ohne Haltepunkte am Ostbahnhof los. 65 rote Plüschsessel, Bar, Multimedia- und Klimaanlage halten die Gäste bei Laune.

Am Ostkreuz gehts auf den Ring. Durch die bis zum Dach gezogenen Fenster der umgebauten drei Wagen aus den 40er- und 50er-Jahren versperrt nichts die Sicht auf das, was da kommt: Alltag in Berlin mitsamt seiner Schönheit des Maroden. Alltag in Berlin mitsamt seiner Industrieruinen, Schrebergärten, Hinterhöfe, Fabrikbrachen. Passend dazu die Hörspiele und Features von Berlin retour, die von der besonderen (Alltags-)Geschichte dieser Stadt erzählen.

"Im Osten leben die Versager und die Kommunisten. Das ist so ein Wessi-Grundverständnis." Schnell geht die Fahrt vorbei am schmuddeligen Umsteigepunkt Ostkreuz. Aufatmen. Da, die Spree. Treptower Park. Die Treptowers und ihr 125 Meter hoher Tower, Berlins höchstes Bürogebäude. Sonnenallee - kultig, aber grau und staubig. Angekommen im Westen.

"Ich wohne in Leipzig. Natürlich nicht an den Wochenenden. Da fliege ich nach Frankfurt zurück." Der Blick weitet sich überm Tempelhofer Flughafen. Entlang der Stadtautobahn gehts nach Schöneberg. Der alte Gasspeicher rückt näher. Vorbei am ICC mit seinem Stahlbeton-Charme der 70er-Jahre. Vorbei am Funkturm. Vorbei am 1880 eröffneten Bahnhof Westend. Siemensstadt mit seinen rauchenden Fabrikschloten rückt näher. Dann Schering. Weiter durch den Wedding führt die Strecke über den Westhafen mit seinen imposanten Backsteingebäuden. Der auf einem Hochplateau über dem Dunst der Stadt liegende Humboldthain kommt in Sichtweite.

Nach 80 Minuten schließt sich der Ring. Vorbei gehts am kugelförmigen Planetarium. Prenzlauer Allee. Zurück im Osten.

"Hier ist nicht alles grau. Aber die Wessis mit ihrer Gleichmacherei "

Berlin retour-Fahrten: "Dreimal Deutschland". Heute (ausverkauft!) u. 11. Mai.

"Die Mauer", Feature von Horst Krüger zum Mauerbau, 4./ 18. Mai. Abfahrt jeweils 15.06 Uhr, Ostbanhof. Anmeldung: Tel.: 29 74 33 33. 14,50 Euro.