"Das ist eine Teufelsdroge"

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Die Stimmung im Festsaal Kreuzberg ist aufgeladen. "Das ist eine Teufelsdroge", meldet sich ein Mann aus dem Publikum zu Wort.

Die Stimmung im Festsaal Kreuzberg ist aufgeladen. "Das ist eine Teufelsdroge", meldet sich ein Mann aus dem Publikum zu Wort. Heftiger Applaus. Partyveranstalter, DJs und Clubgänger treffen sich an diesem Abend zur Podiumsdiskussion "GHB in der Clubszene", der Abend steht unter dem Motto: "Kackt weniger ab!"

GHB (englisch gesprochen: tschi-ejtsch-bi), auch bekannt als "Liquid Ecstasy", ist ein Narkosemittel. Bei der Flüssigkeit reichen schon einige Tropfen aus, um eine euphorisierende Wirkung zu erzielen. Weil diese Substanz aber seit 2002 als illegales Betäubungsmittel gilt, greifen viele Konsumenten jetzt zu GBL. Die Substanz ist ein weit verbreitetes Lösungsmittel, in der Wirkung GHB sehr ähnlich und frei im Internet erhältlich.

Warum die Macher der Berliner Clubs sich diese Droge für ihre Aufklärungskampagne ausgesucht haben? Im Gegensatz zu den nicht minder gefährlichen Drogen wie Ecstasy und Kokain kann man GHB sehr viel schneller überdosieren. Mit fatalen Folgen: zuckende Körper mit Schaum vor dem Mund, lüsterne GHB-Konsumenten, die andere Gäste belästigen, und Clubgänger mit Lähmungen der Atemwege, die in Lebensgefahr schweben und sofort einen Notarzt brauchen. Krankenwagen vor Techno-Clubs sind keine Seltenheit mehr.

In Berlin findet jetzt aber ein Umdenken statt. "Die Stimmung auf Partys hat sich zum Negativen verändert", sagt Moderator Timon Engelhardt. Gemeinsam mit dem Veranstalter Dorian Mazurek, mit dem Autor und Mitbegründer der Drogenaufklärungsinitiative Eve & Rave, Hans Cousto, und dem Musikjournalisten Jonas Gempp hatte er zur Diskussion geladen.

"Die Türsteher müssen geschult werden, damit sie GHB erkennen. Mit strengeren Türkontrollen können wir es aus den Clubs raushalten", schlägt jemand aus dem Publikum vor. "Das verschiebt nur das Problem", erwidert Dorian Mazurek. Die User gingen dann vor die Tür, um ihre Drogen zu konsumieren. Sollten sie dort überdosieren, bekomme es niemand mit, dann könne niemand helfen. "Wir brauchen mehr Aufklärung", schlägt er vor. "Die Leute wissen zu wenig über die Droge." Deshalb hat Dorian die Initiative "Clubculture against GHB" gegründet und informiert über die Droge auf der Myspace-Seite www.myspace.com/againstghb. Auslöser für die Aktion war seine eigene Erfahrung im Dezember 2007. Nach einer versehentlich eingenommenen GHB-Überdosis erwachte er nach drei Tagen Koma auf der Intensivstation.

Die Droge verteufeln möchte er nicht. "Damit macht man sie nur noch interessanter", glaubt er. Lieber möchte Dorian aufklären. Etwa über die äußerst gefährliche Wechselwirkung mit Alkohol, aber auch das hohe Suchtpotential wird unterschätzt. "Ich war süchtig", meldet sich ein Mann aus dem Publikum, er erzählt, dass er nachts alle drei Stunden aufstand, um GHB zu nehmen, damit er nicht auf Entzug kam: "Es hat ein Suchtpotential wie Heroin."

Trotz der Gefährlichkeit von GHB fehlt es an Statistiken über die Droge. Der Mangel an aussagekräftigen Zahlen ist auch das Problem der Diskussion. "Es gibt jede Menge urbaner Mythen", sagt Jonas Gempp. "Etwa den der Vergewaltigungsdroge." Heftige Buh-Rufe aus dem Publikum. Viele Teilnehmer berichten von Fällen, wo Frauen (und Männern) heimlich GHB verabreicht wurde, um sie danach zu vergewaltigen.

"Ihr müsst mehr aufeinander aufpassen", sagt Dorian Mazurek. Verantwortung übernehmen, nicht wegschauen, eingreifen und "auch mal zu Freunden sagen, dass sie nach Hause schlafen gehen sollen". Der Club-Hit "3 Tage wach" von Lützenkirchen ist inzwischen weniger eine Hymne als viel mehr ein Warnruf. Die Szene denkt um.

Tina Molin