Kreuzköllner Nächte sind lang

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Reuterkiez in Nord-Neukölln. Klingt gar nicht sexy. Aber "Kreuzkölln" - das hat Klang.

Reuterkiez in Nord-Neukölln. Klingt gar nicht sexy. Aber "Kreuzkölln" - das hat Klang. Kreuzkölln wird gern gesagt, weil hier fast schon Kreuzberg ist. Und weil die Gegend um die bekannte Rütli-Schule zum Szenekiez wird. Wir machen uns auf zu nächtlichen Lokalterminen zwischen Sonnenallee und Maybachufer.

Der Herr von Welt trägt Perücke - zumindest im "Silverfuture" an der Weserstraße 206. Der Mann unter der wasserstoffblonden Lockenpracht ist keine Ausnahmeerscheinung in der Bar. Sein Sitznachbar hat passend zum Vollbart feuerroten Lippenstift aufgelegt. Die Kneipe ist für "Kings and Queens and Criminal Queers", daher gibt's im Hinterzimmer eine Transvestitenecke mit Make-up, Perücken und Kleidern, "falls sich jemand spontan verwandeln möchte", erklärt der Kellner.

Es sind solche Lokale, die Künstler dazu bewegen, anderen Bezirken den Rücken zu kehren und in den Reuterkiez zu ziehen. Geschäftsleute kaufen in der Gegend Wohnungen. Kaum lässt man die Sonnenallee hinter sich, wird schnell klar warum. Der Kiez überrascht mit wunderschönen Gründerzeithäusern, und von herumlungernden Jugendlichen ist weit und breit keine Spur.

Nächste Anlaufstation ist das "Kinski" in der Friedelstraße 28. Die Wände sind vergilbt, von der Bestuhlung blättert der Lack ab, es gilt Selbstbedienung. Unser Glaube an einen neuen Szene-Kiez gerät ins Wanken, doch die Nacht ist noch jung. Auf dem Weg zur nächsten Bar geraten wir in eine Gruppe fröhlicher Raucher vor dem "Ori" an der Friedelstraße 8. Die Galeriebar veranstaltet eine Vernissage und sieht aus wie Omas gute Stube: Dielen, Stuck und alte Holztüren. Zu "The Fall" sinnieren Joggingjackenträger und Mädchen über die Fotografien an den Wänden.

Nach dem kurzen Zwischenstopp ziehen wir weiter ins "Kuschlowski" an der Weserstraße 202 und sind angenehm überrascht. Die Kneipe ist eine Wohnzimmer-Oase. Man sitzt zwischen verschnörkelten Tapeten auf Miniaturstühlen aus der Vorschule. Während die Knie an den Ohren kitzeln, sieht man dem Feuer im Ofen zu. "Das ist besser als Friedrichshain", stellt meine Begleitung, ein waschechter Berliner, erstaunt fest.

Die Gegend befindet sich tatsächlich im Wandel hin zum Szene-Kiez. "Seit einem Jahr geht's hier wirklich ab", sagt die Kellnerin im "Jansa 7", einem Rockabilly-Salon in der Jansastraße 7. Neben Bars sprießen Boutiquen aus dem Kreuzköllner Boden, und Restaurants wie "Kantina von Hugo" an der Friedelstraße 31 sorgen zwischen türkischen Vereinslokalen für lukullische Genüsse.

Vieles erinnert im Reuterkiez an Mitte und Prenzlauer Berg in den 90er-Jahren. Während dort nun Design-Bars eröffnen, herrschen hier noch Spontanität, Improvisation und Kreativität vor. Eingeleitet haben den Neukölln-Trend die Lokale "Ä" und "Freies Neukölln". Beide Eckkneipen haben sich ihren biergetränkten Charme bewahrt. Die Stühle sind jedoch mit Urban Bohemiens besetzt. Man trinkt tschechisches Bier, hört französische Chansons, und manchmal taucht ein Mann mit Perücke und Lippenstift auf, der sich von seinem neuen Transvestiten-Outfit nicht trennen konnte.

Das Festival "Weserrakete" ("Müzikparti in der Weserstraße") morgen in Ä, Gelegenheiten, Kuschlowski, Ori, Silverfuture und Rudimarie statt. Internet: http://weserrakete.blogspot.com