Berliner Star-DJs setzen auf Hightech

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DJ Richie Hawtin kann bei seinen Auftritten in Clubs zwischen zehntausend Songs auswählen.

DJ Richie Hawtin kann bei seinen Auftritten in Clubs zwischen zehntausend Songs auswählen. Wenn er all diese Tracks auf Vinyl-Platten bei sich hätte, würde er mit drei Tonnen Gepäck durch die Welt reisen. Doch der DJ ist mit leichtem Gepäck unterwegs. Ein paar T-Shirts, Unterwäsche, Zahnbürste und zwei Laptops.

Die digitale Revolution hat das Nachtleben erreicht. Schon lange bevor iPod, iTunes und MySpace den Musikmarkt aufmischten, haben sich DJs zwar den neuen Möglichkeiten geöffnet, doch erst jetzt verliert das Auflegen mit dem Computer seine Exotik.

Inzwischen haben DJs gleich mehrere Möglichkeiten, die digitale Welt auf die Plattenteller zu holen. DJ-Software wie "Traktor" von der Berliner Firma Native Instruments verwandelt den Laptop in ein virtuelles Deck mit zwei Plattenspielern und Mixer. Auf dem Bildschirm können MP3-Files gemixt werden und das Ergebnis erschallt im Club.

Vielen DJs fehlt dabei jedoch die Handarbeit mit dem Vinyl. "Mit Platten aufzulegen, ist schöner und besser", sagt DJ Metro. Die Platten können punktgenau ineinander gemixt werden, das Tempo mit den Fingern angepasst oder die Scheibe reingescratcht werden. Deshalb wurden so genannte "Digital Vinyl Systems" entwickelt wie "Serato Scratch" und "Traktor Scratch". Hier kommt zur DJ-Software noch eine Hardware dazu.

Die Tracks auf dem Laptop werden nicht virtuell gemixt, sondern über die realen Plattenteller. Auf den zwei Plattenspielern im Club liegen spezielle Vinyl-Scheiben, die mit dem Rechner verbunden sind. Was immer der DJ mit dem Vinyl macht, passiert genau so mit den ausgewählten MP3-Files. "Man hat das Gefühl vom alten Auflegstil, aber mit der neuen Technik", sagt Hawtin.

Der kanadische DJ, der Berlin zu seiner Wahlheimat machte, hat die digitale Entwicklung früh erkannt. "Ich bekam Tracks von Freunden gemailt, die wollte ich sofort im Club testen, doch das ging nicht", erinnert sich DJ Richie Hawtin. Aus der Erfahrung heraus wurde der Künstler aktiv und beteiligte sich an der Firma "N2IT", die die DJ-Software "Final Scratch" entwickelt hat. Außerdem besitzt er Anteile am Download-Portal "Beatport", das sich auf DJs spezialisiert hat. "Ich wollte die Entwicklung pushen", erklärt der Visionär.

Die Freude über das neue Auflegen ist aber nicht ungetrübt. Die Plattenkünstler fürchten sich vor Computerabstürzen, viele nehmen zu ihren Gigs daher eine kleine Plattenkiste voll Vinyl zur Sicherheit mit. Auch die Tonqualität der Tracks steht in der Kritik.

Trotzdem ist der Siegeszug der DJ-Softwares nicht mehr aufzuhalten. "Ich habe 12 Jahren mit Platten aufgelegt", sagt Paul van Dyk "das ist künstlerisch keine Herausforderung mehr". Der Star-DJ tritt inzwischen mit der Studio-Software "Ableton Live" von Logic auf. Auch andere DJs wie Metro schwärmen: "Man kann viel mehr Effekte wie Halls oder Loops verwenden, als mit nur zwei Plattenspielern", sagt er.

Nicht nur Kreativität spielt eine große Rolle, sondern auch Verfügbarkeit der gesuchten Aufnahmemedien. "Nur noch 25 Prozent der vorhandenen Tracks kommen auf Vinyl heraus", sagt Richie Hawtin. Wer also die größtmögliche Songauswahl haben will, muss sich der digitalen Welt öffnen. Für Paul van Dyk gibt es einen weiteren Vorteil. "Viele talentierte Jungmusiker schicken mir ihre Tracks", sagt der Star-DJ und tatsächlich haben es einige Stücke bereits in sein DJ-Set geschafft.

Tina Molin