Silvia Neid

Mehr als nur ein Achtelfinale

Ein WM-Aus gegen Schweden würde die Ära von Bundestrainerin Silvia Neid wohl vorzeitig beenden. Ihr Team will das verhindern

Die Anspannung im Antlitz der Bundestrainerin war nicht zu übersehen. „Schweden hat große Qualität in der Mannschaft“, sagte Silvia Neid über den Achtelfinalgegner des DFB-Teams, „Spiele gegen sie waren immer umkämpft und eng.“ Als Gruppensieger der Staffel B hatten die deutschen Frauen auf einen harmloseren Kontrahenten gehofft. Stattdessen geht es im ersten K.o.-Spiel am Sonnabend (22 Uhr, ARD und Eurosport) gegen die Nummer fünf der Fifa-Weltrangliste. Eine der wenigen Konstellationen, die in der Lage sind, bei Neid ein gewisses Unbehagen zu verursachen.

Es geht auch um Rio 2016

Derart ernst hatte man die 51-Jährige bislang selten in Kanada gesehen. Bei der Weltmeisterschaft präsentiert sich Neid betont entspannt, Beobachter attestieren ihr eine neue Lockerheit. Sie lächelt auffällig oft, scherzt sogar mit den sonst gern gemiedenen Journalisten. Ihre Co-Trainerin Ulrike Ballweg sagt: „Sie ist viel entspannter und umgänglicher geworden“, und auch Mittelfeldspielerin Melanie Behringer hat registriert, dass ihre Chefin „viel gelassener als vor Jahren“ zu Werke geht. Vielleicht, weil sie ihre wohl letzte WM erlebt. Doch genau dieser Umstand könnte den Druck nun erhöhen.

Aus ihren Ambitionen macht Neid kein Geheimnis. Sie, die an allen Titeln der Frauen-Nationalmannschaft auf oder neben dem Platz beteiligt war, will den Pokal – auch, weil das überraschende Viertelfinal-Aus bei der WM vor vier Jahren in Deutschland damit zu einer Fußnote würde. Doch spätestens seit damals, seit dem 0:1 gegen den späteren Weltmeister Japan, weiß Neid um die Chance des Scheiterns.

In Kanada steht für die Bundestrainerin weit mehr auf dem Spiel als ein vorzeitiges Ausscheiden. Denn mit einer Niederlage gegen Schweden würden die DFB-Frauen auch ihr Olympia-Ticket für 2016 verspielen. Nur die besten drei europäischen Teams qualifizieren sich für Rio de Janeiro. Neben Schweden sind auch Frankreich, Norwegen, die Schweiz und die Niederlande noch im Rennen. Eigentlich, so kündigte Neid vor zwei Monaten an, wolle sie ihr Traineramt erst nach dem olympischen Turnier an Steffi Jones abgeben. Sollte Deutschland aber wie 2011 die Qualifikation verpassen – auch das deutete Neid bereits an – würde sie wohl sofort zurücktreten. Neid kann bei der WM fast mehr verlieren, als sie gewinnen kann.

Torhüterin Nadine Angerer wird ihre Karriere nach der WM definitiv beenden. In Rio wird sie also nicht mehr dabei sein – trotzdem begreift sie das Duell gegen die Skandinavierinnen als Chance. „Wir haben es selbst in der Hand, einen Konkurrenten auszuschalten“, betont die 36-Jährige. Dennoch: Der Respekt vor den Schwedinnen ist auch ihr anzumerken. Sie ist lange genug dabei, um zu wissen, welche Dramen diesen „Klassiker“ umwehen. Das WM-Endspiel von 2003 etwa, das das deutsche Team durch ein „Golden Goal“ von Nia Künzer gewann. Oder das EM-Halbfinale vor zwei Jahren, als der schwedische Traum vom Titel im eigenen Land an einem Treffer von Dzsenifer Marozsan zerplatzte. „Die haben mit uns noch eine Rechnung offen“, weiß Angerer. „Sie kommen mit viel Wut im Bauch ins Spiel.“

Die Bilanz spricht allerdings klar für Deutschland. 17 Mal triumphierte die DFB-Auswahl, sieben Mal hieß der Sieger Schweden. Und: Trafen die beiden Frauenfußball-Nationen bei großen Turnieren in der K.o.-Phase aufeinander, setzten sich stets die Deutschen durch. Statistiken, für die sich die Bundestrainerin nur wenig begeistern kann. In solchen Spielen, sagt Silvia Neid, „entscheidet die Tagesform“.

Mit eben jener konnte ihre schwedische Kollegin Pia Sundhage im bisherigen Turnierverlauf kaum zufrieden sein. Sicher, ihre Mannschaft traf in der als „Todesgruppe“ verschrienen Staffel D auf hochkarätige Gegner wie die USA oder Australien. Mit drei Unentschieden blieb Schweden jedoch hinter den eigenen Erwartungen zurück. Lediglich am Mittwochabend gab es etwas zu feiern. Nachdem Brasilien gegen Costa Rica gewonnen hatte und Schwedens Weiterkommen als einer der besten Gruppendritten besiegelt war, hüpften die Spielerinnen kreischend über die Flure ihres Hotels in Edmonton.

Teaminterne Aussprache

Nur drei Stunden zuvor hatte sich Neid die Partie zwischen Mexiko und dem möglichen Viertelfinalgegner Frankreich angeschaut. Ihre Spielerinnen hingegen trafen sich in einem Restaurant in Ottawa, um Dinge auf den Tisch zu bringen, „die nicht so gut gelaufen sind“ (Angerer) – die laxe Körpersprache oder die schlechte Chancenverwertung. Kein neues Prozedere: Schon bei der EM 2011 sprachen sich die deutschen Frauen aus und gewannen wenig später den Titel. Als Kritik an Silvia Neid ist die teaminterne Tacheles-Runde nicht zu verstehen. Deutschland gegen Schweden ist nicht zuletzt auch das Duell zweier Welttrainerinnen. „Pia Sundhage ist sehr erfahren“, sagt Angerer. „Silvia Neid und sie kennen sich schon lange. Mal sehen, wer die größere Trainerin ist. Ich glaube, Silvia.“

Neid sagt, sie wolle in Kanada „jeden Tag genießen“. Sollte sie am Sonnabend wieder entspannt lächeln, werden noch ein paar Genusstage hinzukommen.