Paralympics

Eine Medaille aus Dankbarkeit

Der Afghane Rahim Nagibulla trat als Kind auf eine Mine. Nun will er für seine neue Heimat bei den Paralympics starten

Rahim Nagibulla freut sich auf dieses Wochenende. Endlich ein richtiger Wettkampf, bei dem man sich beweisen kann. Danach hungert der 28-jährige mit dem muskulösen Körper, dem die Kraft schier die Oberarme zu sprengen scheint. Zum zweiten Mal wird der in einem Bergdorf im Süden Afghanistans aufgewachsene junge Mann bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der Behinderten (IDM) in der Leichtathletik starten, zum zweiten Mal als Deutscher. Flink holt er im Sportforum Hohenschönhausen, seiner Trainingsstätte, den Personalausweis aus dem Rucksack, zeigt auf das Ausstellungsdatum: 2. Juni 2014. Seitdem ist er Bundesbürger.

Nagibulla hat mit seinen 28 Jahren schon eine sehr bewegte persönliche Geschichte. Ob er tatsächlich 28 ist, ist nicht sicher. Der Jahrgang 1987 steht zwar fest, aber den exakten Geburtstag weiß niemand genau, auch – so versichert Nagibulla – in der Familie daheim nicht. So haben die deutschen Behörden einfach den 1. Januar als jenen Tag festgelegt, an dem der 1,70 Meter große, 65 Kilo leichte Athlet auf die Welt gekommen sein soll. Als Kind hütete der kleine Rahim die Schafe der Paschtunen-Familie, „es gab zu essen und immer was zu tun – ich war glücklich“, beschreibt er seine frühe Kindheit.

Dolmetscher für die Bundeswehr

Das Glück endete abrupt, als er als siebenjähriger Erstklässler an einem Novembermorgen auf dem Schulweg auf eine verborgene Mine aus sowjetisch-afghanischen Kriegszeiten trat, die ihm den linken Unterschenkel abriss. Erst im Krankenhaus wachte er auf. Nahezu acht Jahre brachte er danach in Kliniken zu. Ständig bekam er neue Prothesen, manchmal wurde viermal pro Monat gewechselt.

Eine Hilfsorganisation organisierte schließlich für den 15-Jährigen die Reise nach München, wo er in einer Spezialklinik am Beinstumpf operiert wurde, eine professionelle Prothese bekam. Drei Jahre lang blieb er an der Isar, lernte im Kontakt mit Krankenschwestern und Ärzten immer besser Deutsch und wurde früh als Dolmetscher eingesetzt, wenn Kommunikation zwischen in Deutschland ankommenden Flüchtlingen und Behörden nötig war.

Durch einen TV-Beitrag wurde ein Bundeswehroffizier auf ihn aufmerksam und sprach den Teenager an, ob er sich die Rückkehr in sein Heimatland als Helfer für die bewaffneten Kräfte aus Deutschland vorstellen könne. Es war eine Chance, die mit rund 500 Dollar pro Monat bezahlt wurde, das Zehnfache des Gehalts eines normalen afghanischen Arbeiters. „Guter Job, ich konnte die Probleme der Menschen erfahren und sie weiterleiten“, sagt er. 2009 kam er wieder nach Deutschland, weil sich sein Beinstumpf abermals entzündet hatte. Ein Bundeswehrarzt aus Berlin hatte sich für ihn eingesetzt, mit viel Eigeninitiative die Behandlung organisiert. „Er hat mir ein zweites Leben gegeben“, sagt der junge Mann dankbar. Diesmal stellte er sofort einen Asylantrag, der ohne Dauerlimitierung akzeptiert wurde. Bis zur deutschen Staatsbürgerschaft blieb es trotzdem noch ein langer Weg. Nach der Operation kam er zunächst ins zentrale Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt, dann erhielt er eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Hennigsdorf bei Berlin.

Seine engagierte Asylberaterin Simone Tetzlaff stellte die Verbindung zum Paralympischen Sportclub Berlin (PSC) und dessen Präsident Dr. Ralf Otto her. Damit wurde seit 2011 der Sport zum festen Teil in Nagibullas Leben. Otto sah sowohl die körperlichen Möglichkeiten des Afghanen, der sich und seine Landsleute als „stolz, mutig und kräftig“ und damit „überaus sportaffin“ beschreibt, als auch den starken Charakter: „Der hat in seinem Leben schlimmere Sachen erlebt als alle Berliner zusammen.“ Beim PSC wird Nagibulla vom erfahrenen Trainer Bernd Scheermesser betreut. Der 72-Jährige glaubt: „Rahim kann es nach Rio schaffen, sein Wille ist riesig. Er ist ein hochgradiges Talent.“

Dabei muss Nagibulla Nachteile gegen die Konkurrenz aus dem Ausland wettmachen. Was das Material angeht, ist diese hochüberlegen. Der PSC-Sportler, der vor Kurzem in die Nähe des Berliner Sportforums umgezogen ist, um mehr trainieren zu können, war zwar mit seiner Geschichte relativ häufig in Medien präsent – von „Beckmann“ in der ARD bis zu Porträts in großen Tageszeitungen –, „Sponsoren hat mir das aber nicht gebracht“, sagt er. Ein konkurrenzfähiger Rennrolli kostet in der einfachen Ausführung 5000 Euro aufwärts, schon Einzelteile wie Reifen stellen in Deutschland oft die Frage nach „Sein oder Nichtsein“. Als Nagibulla 2014 bei seiner Berlin-Marathon-Premiere drei Kilometer vor dem Ziel ein Vorderreifen platzte und er nach 2:18 Stunden als Zwölfter ankam, war es schwer, neues Material aus der Schweiz zu besorgen und sein Sportgerät wieder wettkampffähig zu machen. Gegenüber der Weltspitze ist sein Material aber vorsintflutlich, er sehnt sich nach einem „vernünftigen Rollstuhl, dem Körper und der Sitzposition angepasst, in dem man nicht hin und her rutscht und viel Kraft verliert“.

Die Frage, ob er sich wünscht, in den Medien nicht nur wegen seiner Herkunft und Lebensgeschichte, sondern auch wegen seiner Leistungen zum Thema zu werden, beantwortet er so: „Sowohl als auch. Ich will beides erzählen, beides gehört zusammen.“ Er geht in Schulen, in Fernsehtalks und berichtet über Afghanistan, „seine Leute“, ihr kleines alltägliches Heldentum, und über den Sport, der eine Art Kontrastmittel zu all dem Leiden ist.

Deutsche Rekorde hält er schon

Am Wochenende will er zum ersten Mal Deutscher Meister werden, er startet in vier Fahrdisziplinen von 100 bis 800 Meter. Deutsche Rekorde hat er bereits aufgestellt. Nun will er sich für die WM Ende Oktober in Doha und vor allem für die Paralympics im kommenden Jahr in Rio de Janeiro qualifizieren. „Ich bin bereit, jeden Tag, der vor mir steht, dafür alles zu tun. Ich will eine Medaille für das Land holen, dem ich so dankbar bin. In Gedanken sehe ich mich schon ins Stadion einmarschieren.“ Dafür hat er den Wohnort gewechselt, obwohl in Hennigsdorf viele seiner Freunde leben. „Mein Ziel ist Rio“, sagt Rahim Nagibulla mit leuchtenden Augen. „Freunde gehen nicht weg. Ziele schon.“