Südamerica

Als Heilsbringer nur bedingt geeignet

Neymar sieht Rot und gefährdet so Brasiliens Ziele. Zudem zerrt eine Klage vor Gericht an seinen Nerven

Irgendwie musste ja es so kommen, Hinweise gab es zuvor jedenfalls genug. So war das erste Quartier der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft bei der Copa America in Chile in der Avenida Alemania gelegen. Zudem gibt es im Süden Chiles wegen der vielen Einwohner mit deutschen Wurzeln überall Bier und sogar Saumagen in den Restaurants. „Die Selecao kann sich nicht vom deutschen Schatten lösen“, hatte die Zeitung „Globesporte“ daher bereits vor Beginn der Kontinentalmeisterschaft geunkt. Gemeint war damit das 1:7 im Halbfinale der WM in Brasilien vor einem Jahr. Und tatsächlich reißen die alten Wunden auf der schwer gekränkten Fußball-Seele nun urplötzlich in voller Schmerzstärke wieder auf.

Bayern soll Angebot offenlegen

Dabei wähnten sich die Brasilianer im „Hotel Dreams“ längst auf dem Weg der Genesung. Seit seinem Amtsantritt nach der enttäuschenden Weltmeisterschaft hatte der neue Trainer Carlos Dunga alle elf Spiele gewonnen. Doch dann kam am Mittwochabend das Spiel gegen Kolumbien – und nach einer 0:1-Niederlage droht nun sogar das Vorrundenaus bei der Copa, die doch als Heilmittel wirken sollte.

Und als sei dies nicht schon schlimm genug, erlebte auch Superstar Neymar sein ganz persönliches Déjà-vu. Nach Abpfiff hatte der enttäuschte Anführer den Ball mit voller Wucht gegen den Kolumbianer Pablo Armero geschossen und nach der folgenden Rangelei wie auch Kolumbiens Carlos Bacca die Rote Karte gesehen. Für mindestens zwei Spiele dürfte der Stürmer den Brasilianern fehlen. Wie lang die Sperre tatsächlich ausfallen wird, war zunächst unklar.

Wieder Neymar, wieder Kolumbien. Vor einem Jahr hatten die Brasilianer nach dem brutalen Foul von Juan Zúñiga im WM-Viertelfinale gegen die Cafeteros ihren Schlüsselspieler verloren. Ohne Neymar folgte das Debakel gegen den späteren Weltmeister Deutschland in Belo Horizonte. Und nun droht ohne den Angreifer vom Champions-League-Sieger FC Barcelona wieder eine Schmach. Das letzte Gruppenspiel gegen Tabellenführer Venezuela darf am Sonntag auf keinen Fall verloren werden, will man nicht unerwartet früh die Heimreise antreten.

Selbst die erfrischende Dusche konnte Neymar daher nicht beruhigen, der 23-Jährige sprach sogar von einer Verschwörung der Schiedsrichter. „Sie wenden die Regeln gegen mich an“, protestierte er. Zunächst hatte er vom chilenischen Referee Enrique Osses nämlich die zweite Gelbe Karte des Turniers gesehen, weil er kurz vor der Pause den Ball mit der Hand berührte. Er wäre damit für das nächste Spiel ohnehin gesperrt gewesen. „Der Ball ist an meine Hand geprallt“, verteidigte sich Neymar. „So etwas passiert, wenn ein schwacher Schiedsrichter eingesetzt wird.“ Im ersten Spiel gegen Peru (2:1) war gegen Neymar übrigens eine Verwarnung ausgesprochen worden, weil er den Schaum des Freistoß-Sprays einfach weggewischt hatte.

Doch von fehlender Selbstkontrolle wollte sein Trainer auch diesmal nichts wissen. „Wir sind auf die Provokationen hereingefallen. Kolumbien ist ein Meister darin, und unsere Spieler haben die Provokationen angenommen“, analysierte Dunga. „Ich muss eine Nacht darüber schlafen und mir dann Gedanken machen, wie wir ohne Neymar spielen werden. Wir haben schon mal ohne ihn gespielt, wir können das als Gruppe auffangen.“

Ganz anders reagierte natürlich Faustino Asprilla. Kolumbiens Stürmerlegende meldete sich im Internet bei Twitter zu Wort und bezeichnete Neymar als „eine Lüge für den Fußball“. „Geh nach Hollywood“, empfahl er ihm. Kurze Zeit später löschte er den Eintrag aber wieder.

Vielleicht aus Mitleid, denn Sorgen quälen den vermeintlichen Heilsbringer dieser Tage ja nicht nur im Sport. Am Mittwoch hatte der Nationale Gerichtshof Spaniens in Madrid einer neuen Klage gegen den FC Barcelona und auch Neymar stattgegeben. Der Strafantrag wegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung sei im Zusammenhang mit seinem Transfer zu Barca vom FC Santos vor zwei Jahren vom brasilianischen Investitionsfonds DIS gestellt worden, dem 40 Prozent der Transferrechte an Neymar gehörten. Barcelona soll die Gesamtkosten des Deals von über 100 Millionen Euro demnach nie korrekt bekanntgegeben haben, der Klub bestreitet das jedoch. Dennoch wird es wegen des Falls demnächst Neuwahlen geben. Den Beteiligten drohen übrigens Haftstrafen von sechs Monaten bis zu vier Jahren

Der spanische Richter Jose de la Mata Amaya ordnete außerdem an, dass auch die damals an Neymar interessierte Klubs Bayern München, Chelsea, Manchester City und Real Madrid ihre 2013 unterbreiteten Angebote bei der spanischen Justiz offenlegen müssen. Neymar selbst wird demnächst vor Gericht aussagen müssen.