Doping

„Ich fühle mich durch dieses Gesetz nicht geschützt“

Harting spricht vor Bundestag und bereitet eine Klage vor

In Bluejeans und Shirt lauschte Robert Harting am Mittwoch im Bundestag den Rechtsgelehrten, die neben ihm den „Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung von Doping im Sport“ argumentativ zerpflückten. Als er dann selber Stellung beziehen durfte, ließ sich der Diskuswerfer die Gelegenheit zu einer kleinen Spitze nicht entgehen: „Ich muss mich bedanken, dass ich hier überhaupt sitzen darf und als Olympiasieger die Möglichkeit bekomme zu sprechen“, sagte Harting. Lange Zeit war nicht klar gewesen, ob das überhaupt gewollt war im Sportausschuss. So aber nutzte der Berliner die Gelegenheit, Politikern und Juristen in der mehrstündigen Anhörung ins Gewissen zu reden. Ja, er sei für „harte Strafen, für schnelles Handeln“, für Fairness im Sport. Aber: „Ich bin heute hier, weil ich Angst habe. Ich fühle mich durch dieses Gesetz nicht geschützt.“

Harting ist wohl nur der prominenteste Bedenkenträger gegen den Gesetzesentwurf von Bundesinnen-, -justiz und -gesundheitsministerium, der die Dopingbekämpfung künftig per speziellem Strafgesetz regeln will. Die Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wie der Dachverband selbst begrüßen das möglicherweise schon 2016 in Kraft tretende Gesetz, „weil es eine wichtige Lücke im Antidopingkampf schließen hilft, bisherige Mittel bündelt und die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) stärkt“, wie Athletensprecher Christian Schreiber sagte.

Doch treibt die Athleten nicht nur die verschärfte Besitzstrafbarkeit um, nach der sich ein Sportler aus dem rund 7000-köpfigen Nada-Testpool bereits strafbar machen kann, wenn eine geringe Menge verbotener Medikamente in seiner Sporttasche gefunden würde. Sondern sie ärgert auch der Eindruck, der Leistungssport hierzulande sei „ein Dopingsumpf. Das kann ich so nicht stehen lassen“.

Fakt ist indes: Jahrelang hat der organisierte Sport weismachen wollen, er werde mit dem Problem Doping selbst (am besten) fertig. Doch die jüngste Bilanz der Nada deutet abermals auf das Gegenteil hin: 2014 nahmen die Dopingfahnder 13.909 Tests vor. Nur 0,16 Prozent zogen eine Sanktion nach sich – und das, obwohl verschiedene anonymisierte Umfragen unter Leistungssportlern auf Dopingmissbrauch im zweistelligen Prozentbereich hindeuten. Die beteiligten Minister halten das Gesetz für alternativlos. Schon wegen der „überragenden gesellschaftliche Bedeutung“ des Sports, des Schutzes seiner Integrität – und nicht zuletzt deshalb, weil der Spitzensport aus Steuermitteln erheblich alimentiert wird (2014 mit knapp 140 Millionen Euro).

Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit

Matthias Jahn, Rechtsprofessor an der Universität Frankfurt, zitierte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der das geplante Gesetz „kurz, hart, wirksam“ nennt. Jahn spottet: „Das klingt sportlich, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Vier andere Adjektive scheinen mir aber angebrachter: unausgereift, unklar, unbestimmt, unverhältnismäßig.“ Jahn wirft die Frage auf, warum ein selbstverantwortlicher Mensch nicht frei entscheiden könne, wann und ob er seine Gesundheit selbst schädige. Es sei „nicht Sache des Staates festzulegen, was fair und gerecht ist – sondern Sache des Sports“. Die Befürchtung des DOSB, das Sportrechtssystem könnte durch die Parallelität mit dem Strafrecht „ins Wanken geraten“, erklärten Fachleute wie Dieter Maihold, Richter am Bundesgerichtshof, für unbegründet: „Das eine Verfahren schwächt nicht das andere.“

Eine Athletengruppe um Harting will dennoch gegen das Gesetz juristisch vorgehen. „Diese Athleten werden sicher nicht warten, bis der erste Überführte sich bis zum Bundesverfassungsgericht durchklagt. Stattdessen suchen sie nach einer vernünftigen Möglichkeit, um nach der Verabschiedung des Gesetzes sofort juristisch dagegen vorzugehen“, sagte der beratende Sportrechtler Michael Lehner.