Hockey

Schrecken der Konkurrenz

Die Olympia-Qualifikation ist geschafft. Doch die deutschen Hockeyspieler haben höhere Ziele

Stolz? „Ja.“ Überrascht? „Auf keinen Fall.“ Nationalspieler Martin Häner kommentierte die Qualifikation der Hockey-Nationalmannschaft für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Das Team von Bundestrainer Markus Weise hat gleich die erste Chance genutzt und das World-League-Turnier in Buenos Aires gewonnen. Platz vier, vielleicht sogar Platz fünf, hätte schon gereicht. „Aber es spricht für meine Jungs, dass sie das Turnier unbedingt als Sieger beenden wollten“, sagte Weise nach dem 4:1 (1:0)-Endspielerfolg über Gastgeber Argentinien.

Als erste deutsche Mannschaft können also die Hockeyspieler den Trip nach Brasilien buchen. Im Handball, Fußball, Basketball, Volleyball und Wasserball hätten sie diese Gewissheit gern, aber in diesen Disziplinen stehen quälende Ausscheidungs-Wettkämpfe erst noch bevor. Auch Weise ist vom Schnelldurchgang seines Teams nicht überrascht, jedoch, schränkte er ein: „Eine Selbstverständlichkeit war das nicht.“ Der neue Qualifikationsmodus hat seine Tücken. Wäre seine Mannschaft im Viertelfinale gegen Südkorea nicht zu einem 2:0-Sieg gekommen, wäre der mentale Stress enorm gestiegen. „Im Viertelfinale war der Druck sehr groß“, gibt Weise zu. Mit der Maßgabe zur Europameisterschaft im August in London zu reisen, dort den Titel gewinnen zu müssen und so im zweiten Versuch die Qualifikation zu schaffen, war keine verlockende Vorstellung.

Diese Last ist jetzt von der Mannschaft genommen. „Es ist schön, nicht hoffen zu müssen, sondern sich schon klar und eindeutig qualifiziert zu haben“, sagte Häner. Der Innenverteidiger des Berliner HC, bereits 2012 in London Olympiasieger, zählte zu den Stärksten im deutschen Team, spielte jede der sieben Partien durch. „Martin war einer unserer besten Spieler“, lobte Weise den 26-Jährigen.

Auch der zweite Berliner in seinem Team hat den Bundestrainer beeindruckt. „Martin Zwicker ist momentan aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken“, sagte er. Der 28-jährige, gelernte Stürmer des BHC hat in der jüngeren Vergangenheit eine erfreuliche Entwicklung genommen. Beim für deutsche Hockey-Verhältnisse enttäuschenden sechsten Rang im letzten Jahr in Den Haag hatte ihn Weise ins defensive Mittelfeld beordert. „Er war unser bester Mann“, lobte Martin Häner im Rückblick seinen Mitspieler. Seitdem hat Zwicker im Nationalteam immer auf konstant hohem Niveau gespielt. Auch Verteidiger Pilt Arnold und Stürmer Jonas Gomoll (beide BHC), sagte Weise, hätten weiterhin Chancen, zum Zuge zu kommen, wenn die Olympia-Tickets verteilt werden.

Der Pool an international konkurrenzfähigen Spielern ist riesengroß, und diese interne Auseinandersetzung macht die vielleicht größte Stärke der Mannschaft aus. Weil immer wieder Talente mit hoher Qualität nachdrängen. So reiste Weise im Dezember 2014 mit einer sehr jungen Truppe zur Champions Trophy nach Indien – und gewann. In Buenos Aires waren wieder sechs Spieler dabei, die noch bei der letzten Junioren-WM den Titel geholt hatten – und schlugen sich prächtig. Weltklasse war der Treffer zum 3:1 im Finale durch den erst 21-jährigen Christopher Rühr. Rotzfrech klaute er dem argentinischen Abwehrspieler Juan Gilardi den Ball und erzielte den entscheidenden Treffer. Wie er das gemacht hat? „Das war Stürmerinstinkt“, antwortete er trocken. Den hat man eben, oder man hat ihn nicht. Er hat ihn.

Knochenhartes Endspiel

Gerade das Endspiel gegen die vor eigenem Publikum mit allen Mitteln zu Werke gehenden Südamerikaner zeigte, dass Weises Spieler nicht nur gut spielen, sondern noch besser kämpfen können. Es ging knochenhart zur Sache, aber auch dabei setzten sich die jungen Deutschen durch. „Die Jungs haben offene Schürfwunden“, sagte Niklas Wellen, 20, „einer hat sich vielleicht sogar die Hand gebrochen. Wir haben hier nichts abgeschenkt.“

Das ist genau die Einstellung, die der Bundestrainer von seinen Schützlingen sehen will. Weise wäre nicht Weise, würde er nicht in der frühen Qualifikation auch noch eine Gefahr wittern. Zu große Selbstsicherheit. „Wir müssen jetzt ein Jahr konzentriert weiterarbeiten“, forderte er, „diese Leistung hier wird nicht reichen für eine Medaille in Rio. Dafür müssen wir noch mal 20 bis 25 Prozent draufpacken.“ Er erwartet Verbesserungen im athletischen, taktischen und mentalen Bereich.

Die Konkurrenz aus den Niederlanden, Argentinien, Australien wird aufstöhnen, wenn sie das hört: Der Olympiasieger von 2008 und 2012 will noch draufpacken. „Wir haben schon jetzt ein sehr starkes Turnier gespielt“, fand Häner, „vor allem als komplette Mannschaft sehr gut in der Verteidigung gearbeitet. Und die Jungen haben sich sehr gut gemacht. Wir haben auch für die nächsten Jahre gute Aussichten.“

Kapitän Moritz Fürste, Olympiasieger 2008 und 2012, schränkte das ein wenig ein. „Wir sind jetzt noch nicht da, wo wir sein wollen. Nächstes Jahr aber schon“, kündigte er an. Der Anfang ist in jedem Fall gemacht. Nach der missratenen WM, sagte Häner, habe sich die Mannschaft geschworen, „ab jetzt Turniere zu gewinnen“. Gesagt, getan, es gelang bei der Champions Trophy und nun in der World League. Als nächstes kommt die EM. Wird denn wenigstens dort die Sache etwas lockerer angegangen? „Wir haben jetzt nicht mehr den Druck, Europameister zu werden“, antwortete der Berliner, „wir wollen es aber trotzdem werden.“